Abschlussreise 3Ba:  25. Mai bis 2. Juni 2002

 

 

Wien – Prag:

3Ba gymmuenchenstein:  On the Move

 

à WIEN

à PRAG

 

 

 

 

 

Der Champagner knallte über den Baumwipfeln. Becher wurden hingestreckt um den schäumenden böhmischen Sekt aufzufangen. Man prostete den Dächern von Prag zu, die in der Abendsonne rot zwischen den grossen grünen Inseln in der Abendsonne leuchteten, den bunten Menschen, die immer noch dicht gedrängt weit unten über die Karlsbrücke flanierten, der Moldau, auf der noch die Partyboote kreuzten, den Türmen, dem stolzen Hradschin oder ganz einfach: den Erlebnissen der letzten Tage, Abende und Nächte. So wurde hoch über der Stadt Prag, auf der Aussichtsplattform des kleinen Eiffelturms auf dem Petřín (oder Laurenziberg) der Abschied eingeläutet, der Abschied von Prag, von der Reise, vom gemeinsam Erlebten.

Man war sich einig: Es war eine schöne Reise gewesen, viel war erlebt, gesehen, gehört, fotografiert, gefilmt, und in der Erinnerung abgelegt worden. Der Anfang der Reise, der in Wirklichkeit erst eine Woche zurück lag, schien schon eine Ewigkeit entfernt, so viele verschiedene Eindrücke aller Art hatte es inzwischen gegeben. Und – dies freute den Berichterstatter ganz besonders – die Reise war ohne ungute Zwischenfälle verlaufen – nur mit ein paar Pechvögeln, die sich einen Schnupfen, Husten oder rebellierenden Magen zugezogen hatten. Aber nichts wirklich Ernsthaftes.

 

 

Also lassen wir die feiernde Gesellschaft nach dem Apéritif zum gemeinsamen Nachtessen in die Prager Altstadt ziehen und spulen wir den Film der Erinnerung zurück zum Anfang. Lassen wir die Bilder nochmals vor dem innern Auge durchziehen, die ernsten und die lustigen, die „Bildungsinhalte“ und den Plausch, die individuellen und die gemeinsamen ...

Halt! – den Abfall wollen wir nicht hier oben lassen, nehmen wir wenigstens die leere Sekt-Flasche wieder mit. Aber da stellt sich die alte Frau auf dem Stuhl vor dem Ausgang in den Weg. Die Flasche wolle sie behalten; und fein säuberlich stellt sie sie neben ihren Stuhl, legt den Korken dazu und kontrolliert weiterhin in Ruhe, dass niemand die falsche Treppe hoch oder hinunter geht. Die Flasche wird wohl als Vase dienen, oder als Kerzenständer oder wer weiss wofür die alte Frau kein Geld hat, es sich sonst zu beschaffen. Und solche Türsitzerinnen und -steher gibt es viele in der schönen Stadt Prag. Und wahrscheinlich noch mehr, die nicht einmal diesen Job erhalten: ein letzter besinnlicher Moment.

 

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Reisetagebuch

 

Samstag, den 25. Mai

 

Ein Fahnenwald empfing die Mitglieder der Klasse 3Ba, als sie tröpfchenweise am Bahnhof SBB in Basel eintrafen. Alle Schweizerfahnen, deren Fehlen an der Expo.02 vom „Blick“ wortreich bedauert worden war, schienen hier zum Abschied versammelt zu sein. (Es gab allerdings auch Neider, die behaupteten, die Fahnen gälten der Schweizer Fussballmannschaft U21, die eben im Joggeli 0:2 gegen Frankreich verloren hatte.) Jedenfalls war der Zug Basel ab 21.01 nach Zürich belagert von Fans, Fans von wem auch immer.

In Zürich stiegen wir um, in den Zug nach Wien, den EuroNight Wiener Walzer. Die Fans blieben zurück; Anna suchte und fand ihre Tasche; die Reise konnte nun wirklich beginnen!

Aber was war denn das? Nach einer weiteren Stunde wurde die Umgebung vertrauter statt fremder, die Ortsnamen klangen wie Basler Vororte und um 23.30 Uhr fuhren wir wieder in Basel ein: diesmal im Badischen Bahnhof. Wo blieb da die weite Welt, wo war Wien geblieben? Wenn sich schon die Welt um sich selber dreht, müssen auch wir da mithalten? Welche philosophische Lektion über ein Leben in ewigen Kreisen wurde uns da von den SBB verpasst? Mr wei nid grüble[1] und bezogen, als sich der Zug wieder einmal aus Basel in Bewegung setzte, die Couchettes, voll von Erwartungen, wo uns das Schicksal nun wohl hinführen würde.

 

Sonntag, den 26. Mai

 

Dunkle Regenwolken über Bayern, grüne Landschaft. Es war schon lange hell, da begann sich das Leben zu regen: Köpfe, die aus den Abteiltüren gestreckt wurden, der Rauch von MichaelPs Morgenzigi, die ersten Gänge zur Morgentoilette; nur Markus zog die Wolldecke über den Kopf um sich noch ein wenig Dunkelheit zu verschaffen. Auf dem Fensterbrett stand noch eine Respekt erheischende Galerie von Bierbüchsen, und aus der Tasche schauten die Glasköpfe von schwergewichtigeren Flaschen. Da musste wohl tief geschlafen worden sein.

Eigentlich hätten wir schon längst in Wien sein müssen, als der Zug endlich in Salzburg einfuhr. Der Magen murrte, denn er verlangte nach einem Frühstück. Und tatsächlich: Hier wurde es eingeladen.

 

à Wels à Linz (Wer hätte geahnt, wie gross Österreich sein kann!)

 

WIEN

 

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à PRAG

 

Erst kurz vor Mittag, mit vier Stunden Verspätung, kamen wir in Wien an. Mit der Wienkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel zu €15.25 waren wir für unsere drei Tage ausgerüstet. Also mit der U-Bahn (6) und dem Bus (48A) zur JH an der Myrthengasse 7. Unter die Dusche und nichts wie los um etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

 

Jugendherberge

Myrthengasse 7

A-1070 Wien

Tel:   +43 (0)1 523 63 16

Fax:  +43 (0)1 523 58 49

 

*

 

Treffpunkt war der Platz vor der Karlskirche. Wir mussten uns durch die Wettläufer des Wiener Stadtmarathons kämpfen um zum Treffpunkt zu gelangen. Der Sport regte an: Um das Warten am vereinbarten Ort zu verkürzen fanden auch in der 3Ba Wettkämpfe statt, allerdings  auf Kick- und Skateboards und zu Fuss, rund um das ovale Brunnenbecken:

Adrian in Führung, nein, MichaelM, zu Fuss, das Trottinett wie eine Keule schwingend, Etienne weit abgeschlagen, aber noch nicht aufgegeben, jetzt aber ... ein schwerer Unfall: Markus stürzt..., schwer verletzt ... Wie schwer? Als alter Pfadfinder liess er sich nichts anmerken, und mit der Zeit werden auch diese Narben verheilen. Eine Weile aber musste er einen selbstgebastelten Verband tragen.

Unterdessen haben Kim, Sandra, Aline und Nicole beim Vorverkaufskiosk vor der Staatsoper Karten für eine Reihe von Events eingekauft: Mozarts Entführung aus dem Serail für Opernfreunde, Tschaikowskys Dornröschen für die Liebhaber des klassischen Ballets und der Architektur des Staatsopernhauses und Hair für die Musical Fans.

Aber jetzt wollten wir Wien kennen lernen. Marco übernahm die Führung auf dem ersten überblicksartigen Rundgang durch das kaiserlich-königliche Wien. Mit einer Riesenhand aus Pappe deutete er auf die Sehenswürdigkeiten: Staatsoper – Burggarten – Neue Hofburg – Heldenplatz und Volksgarten; weiter zum Ring, vorbei am Burgtheater und an der Universität, dann in die Fussgängerzone und zur Pestsäule und zum Stephansplatz.

Hier teilt sich die Gruppe. Anna, Sandra, Nicole und der Berichterstatter wollten an diesem Abend noch Mozarts Entführung in der Volksoper hören und sehen. Sie verliessen die Gruppe hier um sich für den Abend bereit zu machen. Lassen wir sie ziehen und begleiten wir den Rest auf dem Weiterweg durch Wien:

Besichtigen wir mit ihnen zuerst den Stephansdom, auch wenn der Turm im Moment in einem Gerüst steckt. (à Auf dem Bild S. 11 wollen wir ihn deshalb kurz enthüllen):

 

Der Stephansdom ist das Symbol der Stadt Wien und der Republik Öster­reich. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht. Denn zum einen ist Wien eine vor allem vom Barock geprägte Stadt und auch heute noch in gewissem Mass von dessen Geist erfüllt. Deshalb ist es erstaunlich, dass sie sich ein gotisches Bauwerk zum Symbol erkoren hat. Zum anderen ver­sinnbildlicht der Dom wie kein anderes Bauwerk Österreichs jene habsburgi­sche Einheit von Thron und Altar, die ge­rade von den Gründungsvätern der de­mokratischen Republik immer politisch bekämpft worden war. Warum der Ste­phansdom trotzdem zum Symbol ge­worden ist, hat der Architekt Adolf Loos in seiner Charakteristik des Bauwerkes deutlich gemacht: „Wir haben den wertvollsten Kirchenraum der Welt. Das ist kein totes Inventarstück, das wir von un­seren Vätern übernommen haben. Die­ser Raum erzählt uns unsere Geschichte. Alle Generationen haben daran mitgear­beitet, alle in ihrer Sprache.“ Der weihevolle Charakter des Domes ist heute nur noch bei Messen zu spüren, da es sonst von Besuchern nur so wimmelt. Doch seine Geschichte erzählt St. Stephan auch in Lärm und Gedränge.

Der heutige Eingang, das Riesentor, früher nur zu besonderen Anlässen und für die hohen Herren geöffnet, stammt aus der ältesten erhaltenen Bauphase. Er gehört wie die beiden Heidentürme an seinen Seiten noch zum spätromani­schen Kirchenbau, der urkundlich erst­mals 1295 erwähnt wird. Rechts neben dem Eingang befindet sich eine gegen Ende des Zweiten Weltkrieges einge­ritzte Buchstaben-Ziffern-Kombination: O5. Sie war das Zeichen der österreichi­schen Widerstandsbewegung gegen Hitler-Deutschland. Die Fünf steht für den fünften Buchstaben des Alphabets, also OE = Ö wie Österreich.

[Wien (Dumont: Richtig reisen, 2000)]

 

Die Katakomben mit den Pestgebeinen waren leider geschlossen, so soll hier ein kleiner Eindruck gegeben werden:

 

Ihre Bedeutung gewannen die Katakomben nach der Pestepidemie von 1713, als alle Friedhöfe hoffnungslos überbelegt waren. Zwischen 1745 und 1783 wurden hier etwa 11’000 Tote be­stattet. Die Leichname wurden einfach in die zu den Grabkammern führenden Schächte geworfen und diese, wenn die Gewölbe voll waren, zugemauert. Erst später haben Sträflinge und bussfertige Mönche die Gebeine fein säuberlich ge­schichtet.

[Wien (Dumont: Richtig reisen, 2000)]

 

Mit der U-Bahn zur UNO-City (à Foto S. 11).

 

UNO-City

Das linke Donauufer soll nach den heutigen Planungen das zukünftige zweite Zentrum der Stadt be­herbergen. Einen architektonischen Ak­zent setzen jedenfalls die eigenwillig ge­schwungenen und bis zu 120 m hohen Hochhaustürme der UNO-City. Sie ist für 99 Jahre zu dem symbolischen Preis von einem Schilling an die Verein­ten Nationen vermietet. Neben einer Reihe kleinerer Organisationen sind hier auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und die UN-Organisation für industrielle Entwicklung (UNIDO) un­tergebracht. An der künstlerischen Ausgestaltung haben nahezu alle namhaf­ten zeitgenössischen österreichischen Maler und Bildhauer mitgewirkt, u. a. auch Frie­densreich Hundertwasser. Doch Bürohäuser allein schaffen noch keinen zweiten Stadtkern. Darum soll hier die sogenannte Donau­ City entstehen, eine Mischung aus Büros, Geschäften und Wohnungen. Der Rahmenplan für das neue Stadtviertel ist fertig und mit dem Bau des ersten Grossobjekts wurde 1994 begonnen. Die konkrete Ausgestaltung der einzelnen Gebäude überlassen die Politiker den einzelnen Architekten und — der Zeit. Die wird es auf jeden Fall brauchen, denn von einem Ansturm der Investoren kann im Augenblick keine Rede sein.

[Wien (Dumont: Richtig reisen, 2000)]

 

Auftauchen zwischen Glas, Stahl und Beton. Lange zu verweilen lockte die wenigsten, ausser Fabienne und MichaelM. Sie wollten etwas mehr an Überblick gewinnen und fanden den Weg ins Aussichtsrestaurant auf dem Turm in der UNO-Stadt, während die andern wieder in die Untergrundbahn abtauchen, um zum Wurstelprater zu gelangen. Es war auch Zeit, der Appetit meldete sich wieder und im Prater war Abhilfe möglich: Die Düfte der ganzen k.u.k. Monarchie mischten sich hier: Burenwurst, Čevapčiči, knoblauchduftende Langosfladen, türkischen Honig und auch gewöhnlichere Fast-food bites gab es hier in der Fülle. Nur musste man sich achten, dass man bei der Fahrt auf einer der halsbrecherischen Bahnen seine gehabten Magenfreuden nicht allzu sehr strapazierte. Übrigens wusste schon der alte Goethe, dass das Leben im Prater Spass macht. Beim Hexentreffen lässt er seinen Mephisto sagen: „Hier ist’s so lustig wie im Prater.“ Und der kannte noch keine Rollercoasters oder Bungee-rides. Wie viel lustiger muss es denn heute sein!

 

*

 

Verlassen wir die Gesellschaft im Prater und teilen wir kurz das Vergnügen mit den Operngängern:

Im 2. Rang der Volksoper verfolgen sie die Mozartschen Ohrwürmer und die wilde Entführungsgeschichte aus dem bühnenbildnerischen SF-Harem, der da aus dem Boden gefahren wurde. Zum Glück hat der schwarze Entführer Bassa Selim die aufgeklärte Einsicht seinen Mangel an Verführungskunst nicht mit Bosheit wettzumachen. Er verzichtete ganz gegen die Gewohnheit seiner Zeit auf alle Gewaltmittel und liess die geliebte Konstanze (die zufälligerweise so heisst wie Mozarts Ehefrau) mit ihrem Liebhaber Belmonte – dem Sohn des Erzfeindes des Bassa Selim – ziehen und kommentierte sein grossherzige Tat mit den schlichten Worten: „Ich bin nicht gut. Ich bin nur ein Mann, der einmal geliebt hat.“ Weniger grosszügig  musste auch der böse Aufseher Osmin einsehen, dass den beiden Frauen, Konstanze und ihrer Dienerin Blonde, auch mit männlicher Kraft und Stärke nicht beizukommen war: Sie hatten ihre eigenen, weiblichen Waffen um die um sie werbenden Männer, die geliebten und die ungeliebten, auf ihren Platz zu verweisen und in die Knie zu zwingen. Neben der schönen Musik durchaus auch ein Stückchen verspielter Weisheit, mit Mozartscher tongue in his cheek.

 

Und hier ein Auszug aus dem Programmheft des Abends:

                                                                                                                                                  

Vertikale Rolle: Die Entführung aus dem Serail: 
Deutsches Singspiel in drei Aufzügen KV 384
Text von Christoph Friedrich Bretzner, bearbeitet von Johann Gottlieb Ste-phanie d. J. 
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

*

Bassa Selim 			Nicholas Monu
Konstanze 			Edith Lienbacher
Blonde				Heidi Wolf 
Belmonte			Steve Davislim
Pedrillo				Oliver Ringelhahn
Osmin				Maurizio Muraro
Musikalische Leitung		Alfred Eschwé
Inszenierung			Markus Imhoof
Bühnenbild			Werner Hutterli
Chor und Orchester der Volksoper Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*

 

Mit Mozart im Ohr oder Kebab im Bauch oder Achterbahn rückwärts in den Knochen traf sich ein Teil der Klasse beim Riesenrad im Prater by night. Der Blick vom Riesenrad, jenem Wahrzeichen der Stadt Wien, das durch den Film The Third Man mit Orson Welles weltberühmt wurde, auf das nächtliche Wien war wunderbar. Immerhin ist das Riesenrad 65 m hoch, so hoch wie die Münstertürme und fast so alt wie der Eiffelturm. (Gebaut und in Betrieb genommen 1897, und damals mit doppelt so vielen Gondeln bestückt als es seit dem Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg hat.) Und was sagte Orson Wells in der Rolle des Wirtschaftskriminellen Harry Lime zu seinem Freund Rollo Martin um seine Verbrechen zu rechtfertigen (im Film The Third Man)?

 

„What the fellow said: In Italy for thirty years under the Borgias, they had warfare, terror, murder, bloodshed, but they produced Michelangelo, Leonardo da Vinci and the Renaissance. In Switzerland, they had brotherly love, they had five hundred years of democracy and peace, and what did that produce? The cuckoo-clock.”

 

So tief können Fehlinformationen und nationale Vorurteile sitzen! – Und berühmte Sätze.

Aber unterdessen war es spät und die übrigen Praterbesucher noch spärlicher geworden, der Zeiger rückte gegen Mitternacht und das Personal packte die Sachen zusammen. Keine Hoffnung mehr, einen 3Ba-ler am Bungee-Seil jucken zu sehen. Also gingen auch wir. Der Abend klang aus – aber unterschiedlich:

 

·            im JH-Bett

·            im Irish Pub

·            im Flex („Ein linker Schuppen.“ [Anonymus])

·            im Chelsea

 

Ein erster Eindruck von Wien war gewonnen und der Rest der Nacht kurz worden.

 

Montag, den 27. Mai

 

Alle Plätze an den Frühstückstischen waren besetzt. Aber verstreut im Aufenthaltsraum und im Höfchen an der frischen Morgenluft fanden sich noch vereinzelte Ablageflächen für Frühstückstabletts. Kaffee, Tee, Kakao; Semmeln, Schinken, Käse, Honig: Langsam kehrten die Lebensgeister in die Körper zurück.

Auf dem Weg zum Hundertwasserhaus (à Foto S. 11) waren einige beinahe als Extras für eine österreichische TV-Produktion abgeworben worden. (Es zeugte vom Klassengeist, dass die gemeinsame Abschlussreise schliesslich dem Wiener Hollywood vorgezogen wurde.) Die verspielte Architektur von Friedensreich Hundertwasser zog nicht nur uns an; viele hundert weitere Schaulustige bewunderten das vielfarbige, turmzwiebelbestückte, besäulte und üppig begrünte Gebäude.

 

Hundertwasserhaus:

Auf Wunsch von Wiens Bürgermeister Leopold Graz ließ der Maler Frie­densreich Hundertwasser 1977 seine blühende Phantasie spielen und ent­warf das ‘natur- und menschenfreundliche Haus‘ an der Ecke Löwengasse/Kegelstraße, das die Stadtverwaltung 1983—1985 im Rahmen des sozialen Wohnungsbaues errichten ließ, wenngleich die Mieten nicht unbedingt als sozial zu bezeichnen sind. So wohnen in den kleinen Appar­tements denn auch in erster Linie Künstler und Intellektuelle, was Hundertwasser wiederum freute: „Wenn hier Privilegierte einziehen, dann ist das ein Beweis für mich, daß das Haus gut ist.“ Mit Rücksicht auf die Bewohner der umstrittenen kunterbunten Architekturattraktion kann das Gebäude zumeist nur von außen besichtigt werden, im Gegensatz zum nahe gelege­nen KunstHausWien.

Den ökologischen Prinzipien des Künstlers folgend, wurde für den Kom­plex nur Ziegelstein und Holz, aber keinerlei Kunststoff verwendet. [...] Generell verfolgte Hundertwasser die ‘Toleranz der Unregelmäßigkeiten‘, so daß alle Ecken des Baus abgerundet und die Fenster verschieden groß, breit und hoch sind. Indivi­dualität kennzeichnet auch die Innenausstattung, die Verfliesung der Badezimmer ist uneinheitlich, der Fußboden des Wandelganges uneben, die Wand dieses Bereiches gewellt und im unteren Teil als Malwand für Kinder gedacht. Vorder- und Rückfront des Komplexes sind gestaltet wie bei den alten Patrizierbauten und den venezianischen Palazzi am Canale Grande. Dazu wurde in der Fassade ein Stück des alten Hauses nachgebil­det, damit die “Geister des alten Hauses in das neue übersiedeln“ und es unter ihren Schutz stellen. Zwei goldene Zwiebeltürme schmücken das Gebäude, die — laut Hundertwasser — “den Bewohner in den Status eines Königs erheben“. Belebende Elemente sind ferner die farbigen, teilweise schiefstehenden Säulen, der Brunnen und der alten Originalen nachemp­fundene Figurenschmuck.

[Baedecker]

 

Und ein paar Schritte um die Ecke, im KunsthausWien, im Hundertwasser-Museum, konnten wir beim Rundgang, den Eva und Stefanie organisiert hatten, viele Gedankenanstösse für moderne Stadt- und Agglomerationsmenschen sammeln:

 

 

Insgesamt ein Appell Fantasie und die Kreativität dem oft grauen Alltag und der häufig ebenso grauen urbanen Umwelt entgegenzuhalten.

 

Gleich gegenüber wurde der Hunger in einem ganz traditionellen Beisl mit Wiener Kost gestillt. Am besten – jedenfalls in quantitativer Hinsicht – scheinen diejenigen gefahren zu sein, die über den Teller hängenden Wiener Schnitzel bestellten – und bekamen.

So gestärkt schlossen wir uns weiterhin dem Touristenstrom an: Nicole führte uns nach Schönbrunn, wo wir mit individuellen Tonbändern ausgestattet wurden und so ganz individuell von der sanften Tonbandstimme geführt an den Touristengruppen aus aller Herren Ländern vorbei die kaiserlichen und kaiserlich-königlichen Gemächer durchwandern konnten:

 

 

Schönbrunn

Dem nach Versailles prächtigsten Ba­rockschloss der Welt nähert man sich am besten von der Mariahilferstrasse kom­mend durch die Schlossallee. Es ist dies auch der Weg, den Kaiser Franz Joseph täglich von der Hofburg nahm. Der An­blick ist trotz des unangenehmen Ver­kehrschaos immer noch so grandios wie damals. In dieser Gesamtansicht bietet sich das Schloss als das dar, was es ist: der steinerne Zeuge eines „idyllischen Absolutismus maria-theresianischer Prä­gung“.

Ursprünglich diente das Areal als kai­serliches Jagdgebiet und verdankt sei­nen Namen einer Quelle, deren Wasser Kaiser Matthias so sehr schätzte, dass er den Ort mit einer Nymphe schmücken liess und „Schöner Brunnen“ nannte. Die zu einem Herrenhaus umgebaute Mühle machten die Türken 1683 bei der Belagerung Wiens dem Erdboden gleich. Nach dem Sieg über den Sultan waren die Habsburger mächtig wie nie zuvor, und das wollten sie auch zeigen. Leopold I. beauftragte Johann Bernhard Fischer von Erlach mit dem Entwurf für ein kaiserliches Lust­schloss. Es sollte mit vier Flügelbauten und drei Ehrenhöfen auf der Anhöhe der heutigen Gloriette Versailles an Grösse und Pracht noch übertreffen. Doch das überschritt die finanziellen Möglichkei­ten des Kaisers. So wurde ein späteres Projekt des Architekten ausgeführt, das das Schloss näher an den Wienfluss rückte und mit seinen 1441 Zimmern und Sälen von wesentlich bescheidene­rem Zuschnitt war. Bestimmt war es für den Thronfolger Joseph noch keines­wegs fertig, als der Kaiser wurde. Nach Josephs überraschendem Tod an den schwarzen Blattern wurden die Bauar­beiten eingestellt. Schönbrunn blieb ein Torso. [Wien (Dumont: Richtig reisen, 2000)]

Räume mit vergoldetem, lackiertem und in chinesischem Stil gehaltenen, schlichtem und versponnen Täfer; Schreibtische, an denen allergnädigste Hoheiten geschrieben; Betten in denen ebensolche dero Hoheiten geschlafen und Tische an denen sie ihren allerhöchsten Appetit deroselbst gestillt hatten; eine interne Treppe, über die eine des Protokolls überdrüssige Kaiserin ungesehen in den Schonraum des Parks entfliehen konnte; und dazu gelegentlich eine dokumentarische allerhöchste Stimme aus dem Handset: So wurde den deregulierten, entnationalisierten und postdemokratischen Menschen des 21. Jahrhunderts die zeremonielle Welt des deutschen und später des österreichischen Kaisertums nähergebracht. Wer erinnerte sich dabei noch an die „Kaiserstunde“, die darauf hatte vorbereiten wollen?

Wer waren denn Ihrer Gnaden allerhöchste Persönlichkeiten:

 

Maria Theresia, die das Schloss in der barocken Form bauen liess: Mutter von 16 Kindern, die ihren kaiserlichen Mann stellte, da Franz Stephan, ihr Mann, der Kaiser, nicht regieren wollte.

Joseph II.,  einer Ihrer Söhne, der als aufgeklärter Volksfreund und Kaiser „alles für das Volk, aber nichts durch das Volk“ getan haben wollte.

Marie Antoinette, eine ihrer Töchter, unglücklich verheiratet mit Louis XVI. von Frankreich: Sie starb auf der Guillotine der Jakobiner, kurz nach ihrem königlichen Mann in der Französischen Revolution. Es fragt sich, ob „für das Volk oder durch das Volk“.

Franz Joseph I., berühmt für seinen Schnauz, der sein Volk (und andere Völker) in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs führte, und über den bei seinem Tod 1916 der österreichische Dichter, Dramatiker, Journalist und Satiriker Karl Kraus schrieb:

 

Wie war er? War er dumm? War er gescheit?

Wie fühlt’ er? Hat es wirklich ihn gefreut?

War er ein Körper, war er nur ein Kleid?

War eine Seele in dem Staatsgewand? ...

Wollt’ er den Krieg? Wollt’ eigentlich er nur

Soldaten, und von diesen die Montur,

von der den Kopf nur? Hat er eine Spur

von Tod und Liebe und von Menschenleid?

Nie prägte mächtiger ihre Zeit,

jemals ihr Bild die Unpersönlichkeit.

Textfeld:

 Und heute wie damals ist Franz Joseph berühmter durch seine Frau als durch sich selbst, die Kaiserin Sisi (Elisabeth), die das Leben im goldenen Käfig des Hofs stets gehasst hatte.

Und schliesslich war da noch die letzte Kaiserin, Zita, die sich noch mitten im Ersten Weltkrieg, als die Menschen in Wien hungerten, eine Badewanne ins Badezimmer ihres Gemaches bauen liess, bevor sie – 1918, am Ende des Krieges – zusammen mit ihrem Mann zum Rücktritt und zum Gang ins Exil gezwungen wurde.

Aber ganz im Ernst: Die barocke Anlage und das Schloss sind wunderschön. Auch diese Seite hatten die monarchischen Herrschaften.

Das Wetter um das Schloss herum war herrlich und lud dazu ein, den Park zu durchstreifen: Für Irrgarten, Labyrinth, Park und Gloriette (Prunk-Gartenhaus mit wunderbarer Rundsicht über Wien und Wienerwald) brauchte man kein Tonband mehr. Sonne und Luft waren, was man hier suchen und finden konnte.

 

*

 

Das Kulturprogramm des Abends lief auf verschiedenen Schienen. Der Berichterstatter versucht also wieder den Spagat:

 

 


Für € 9.- ins grosse Ballet der Wiener Staatsoper zu kommen, das tönte verführerisch. Nur schon das Gebäude von innen zu sehen musste einen reizen. Geboten wurde Dornröschen von Peter Tschaikowsky.

Aline, Eveline, Eva, Nicole, Stefanie, Fabienne, Sandra, Anna, Etienne, DanielE und DanielK stiegen also mit ihren günstigen Karten in die höchste Höhe des prunkvollen Gebäudes (dort, wo es eben nicht mehr so prunkvoll ist). Ganz oben, ganz auf der Seite, dort, wo nichts (oder fast nichts) von der Bühne zu sehen war, fanden sie ihre Plätze. Trotz aller Verrenkungen wurde das Ballet zum Audio-Erlebnis.

Zum Glück gab es aber noch unbesetzte Plätze in besserer Lage. Aber wer anständig fragte, wurde barsch zurecht gewiesen, ein Platzwechsel komme nicht in Frage, und anschliessend während Stunden argwöhnisch beobachtet, ob die amtlich Anweisung auch gebührend eingehalten werde. (Nur einer Balletbesucherin scheint es gelungen zu sein einen guten Platz – ohne zuerst zu fragen – zu ergattern und ihn auch zu behalten. Wenigstens während eines Aktes; nicht wahr, Nicole?) Den meisten wurde der Abend in der Oper unter diesen Umständen zu lang und sie sahen sich nach der ersten oder der zweiten Pause aus leicht einsichtigen Gründen nach weiteren Aktivitäten um. Um das Verpasste nachzuholen, sei hier die Handlung kurz zusammengefasst:

 

Zur Taufe ihres Wunschkindes Aurora geben der König und die Königin ein großes Fest, zu dem nur die böse Fee Carabosse nicht eingeladen wurde. Sie erscheint trotzdem und verhängt einen Fluch über die kleine Prinzessin: an ihrem sechzehnten Geburtstag soll sie an einem Spindelstich sterben. Die Fliederfee mildert den Fluch: Aurora wird in einen hundertjährigen Schlaf versetzt werden, aus dem sie durch den Kuss eines Prinzen, der sie liebt, wieder erweckt werden wird. An besagtem Geburtstag lässt Carabosse der Prinzessin eine in einem prächtigen Rosenstrauß versteckte Spindel zukommen: sie sticht sich, fällt wie tot zu Boden und wird von der Fliederfee - ebenso wie der gesamte Hofstaat - in tiefen Schlaf versetzt. Die Fee verschafft dem Prinzen Désiré eine Vision von Aurora und leitet ihn zu der schlafenden Schönheit. Mit einem Kuss erweckt er sie; auch die Hofgesellschaft erwacht. Bei einem glanzvollen Fest wird die Hochzeit von Aurora und Désiré gefeiert.

 

Also: das hätte man gesehen, wenn man etwas hätte sehen können.

 

Als Zeugin der Ereignisse auf der Staatsopernbühne bis zum bittern Ende, teilte Aline allerdings mit, dass neben Dornröschen am Schluss noch andere vertraute Märchenfiguren auf der Hochzeit mitgetanzt hätten: Rotkäppchen, Schneewittchen und viele andere hätten ihre Cousine nicht im Stich gelassen.

 

Verlassen wir also das grosse Staatstheater und begleiten wir eine andere, viel kleinere Gruppe ins Volkstheater, eine alte Schauspielbühne mit einer gesellschaftskritischen Tradition: Kim, Markus Leuenberger und Hansjörg Stalder machten sich dort einen sehr wienerischen Nestroy-Abend:

Der Talisman von Johann Nestroy, dem zeitkritischen Satiriker und Schauspieler der Metternichschen Vormärz-Zeit, der seine kritischen Texte jeden Abend neu gestalten und improvisieren musste, um den mitstenographierenden Zensurspitzeln des Kaisers ein Schnippchen zu schlagen. Natürlich musste Toni Böhm, der Schauspieler, der an diesem Abend die nestroysche Hauptrolle spielte, dies nicht mehr tun. Brilliant war das Schauspiel dennoch. Und die Komödie hat auch oft einen tieferen Sinn, das wussten eben auch die Zensurbehörden von 1840. Und dieser tiefere Sinn von früher kann sehr wohl auch etwas mit unserer Zeit zu tun haben. Im Programmheft las sich (leicht gekürzt) Folgendes:

 

Eine der Geschichten, die Nestroys ,,Talisman” erzählt, lautet: Der soziale Aufstieg beruht auf Täuschung. Um hinaufzukommen, muss man sich verstellen können — das macht die sogenannte ,,Karriere” zu einer idealen Vorlage für das Theater. Dort wo eh schon Geld ist, in Nestroys ,,Talisman” bei der aristokratischen Schlossbesitzerin, dort ist die Sehnsucht nach dem Höheren, der Wunsch nach dem geistigen Aufstieg zu Hause.

Aber dieser Wunsch beruht auf einem Selbstbetrug; er lässt sich nämlich, wie Nestroys Stück zeigt, mit Worten abspeisen. Titus, der Friseurgeselle, führt dem Publikum vor, dass  es, um Erfolg zu haben, fürs erste genügt, die Sprache der jeweils Höherstehenden zu sprechen. Die Täuschung, mit der man Karriere macht, wird durch die Bereitschaft ergänzt, getäuscht zu werden. Aber es gibt eine harte, sogar die Klassenschranken übersteigende Realität: das Geld. Das Geld assoziiert die Unzusammengehörigen, es versöhnt die sozial Getrennten. Wer kein Geld hat, dessen Vermögen zu täuschen vergeht allmählich. Wer Geld hat, dem sieht man selbst die gröbsten Täuschungen nach.

Aber ein Mensch wie dieser Titus verspricht auch eine andere Art von Profit: den erotischen, den sexuellen. Titus macht seine Karriere ,,über” die Frauen; auch sie wollen höher hinauf, auch sie wollen getäuscht sein. Das Happy End bringt schliesslich nicht nur Geld, sondern auch die „wahre Liebe“. So wahr die Liebe sein mag, sie hat eine Grundlage, wie sie nicht besser einer hart aussondernden Gesellschaft entsprechen könnte: Die Liebenden haben beide rote Haare, sie teilen miteinander das soziale Stigma, und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie erst deshalb aneinander Gefallen gefunden haben. (Aus dem Programmheft)

Die nestoyschen Songs wurden grossartig verjazzt gesungen. Und für uns aus dem deutschsprachigen Südwesten zeigte sich wieder einmal: Deutsch kann auch eine Fremdsprache sein. Und wie wir gelegentlich in Wien erleben: Nicht nur im Theater.

 

 

Und nach dem Theater, neben dem Theater, statt Theater? DanielE , DanielK und Etienne verbrachten den Abend auf Rädern. Ohne Unfall.

Stefanie und Anna versuchten afrikanischen slow-food – und genossen es.

Und ein kleines Grüppchen von spätabendlichen StadtspaziererInnen gerieten an eine Gedichtklebung. Was ist denn das?

An einer geschlossenen Bankfiliale hingen Klebbänder, an denen kürzere oder mittellange Texte, Gedichte, Überlegungen, Aphorismen hingen, zum Mitnehmen. Eine Art outdoor Dichterlesung. Hier ein paar Müsterchen:

 

Die besten

Sklaven

sind die

die sich

selber welche

halten dürfen.

         immer mehr werden

         immer mehr angepasst an

         immer-mehr-angepasste

     bis immer mehr so angepasst sind

    dass immer mehr mit

         immer-mehr-angepassten

         gemacht werden kann

weg wollen

von en mitläufern

dann merken

dass man selber

mitläufer wurde

und bereits dabei ist

weitere mitläufer

heranzuziehen

 

Helmuth Seethaler, Wasnergasse 43/8, 1200 Wien / Gedichte am Telefon: 0043 1 330 37 01

 

Der Dichter, Performer, Manager der Gedichtklebung kam vorbei und erzählte von seinem langen Gang durch die juristischen Instanzen, bis ihm erlaubt war seine Gedichtklebungen als Kunst im öffentlichen Raum schützen zu lassen. So ist es, nach seinen Ausführungen, heute so, dass er die Polizei ruft, wenn eine Amtsperson seine Gedichte als Störung der öffentlichen Ordnung entfernt. Die Polizei rückt dann im Streifenwagen an und weist den Kollegen an, die soeben entfernte Kunst wieder zu installieren. Auch dies ist Wien. Oder so jedenfalls nach des Dichters Wort.

Die Theateraufführungen beginnen früh in Wien, zwischen 7 und 8 Uhr abends. Noch ist nicht Mitternacht und der letzte Bus ist noch nicht vor der Nase abgefahren; noch bleibt Zeit für ein Stück Sachertorte, einen Plataschinken mit Schag und andere Herrlichkeiten – oder ganz andere Formen des Zeitvertreibs.

Entweder entziehen die sich der Kenntnis des Berichterstatters, oder die Diskretion verlangt gebieterisch nach Nachtruhe ... .

 

Hunderwasserhaus

 

 

 

Stephansdom

UNO City

 

Dienstag, den 28. Mai

 

Der Tag bestand aus einzelnen Puzzlestücken, die von kleinen Gruppen gesucht, gefunden und zusammengetragen wurden. Hier sind die einzelnen Stücke zusammengesetzt worden, so gut es eben ging. Einzelne Lücken im Puzzle liessen sich allerdings nicht schliessen, denn leider waren einige Museen geschlossen, so z.B. das Museum für moderne Kunst und die Sammlung Ludwig.

 

Hofreitschule:

Stefanie, Nicole, Kim, Eva

 

Dalí-Ausstellung im Palais Surreal / Pallavicini:

Anna und Eveline

 

Museumsbezirk

DanielK, DanielE, Markus, Marco

Mit seinem Mix von Alt- und Neubauten, den intimen Höfen, theatralischen Treppen und dem ansteigenden Haupthof bildet das Museumsquartier eine Stadt in der Stadt, die aber eng verzahnt ist mit der Umgebung.

 

Hofburg mit Kaisergemächern und Tafelgold und -silber, Nationalbibliothek:

Etienne, Aline, Adrian, MichaelM und P, Fabienne und Sandra

 

 

Schliesslich trafen wir uns wieder in einem Strassencafé (vis-à-vis vom teuren Demel mit den berühmten Sachertorten). Und aus dem Torbogen neben dem Café wurden gefällte Baumstämme getragen, einer nach dem andern. Es gab immer wieder unerklärliche Dinge in diesem Wien! („Wir“, das waren übrigens alle ausser Stefanie und Eva, die auf er andern Seite der Hofburg warteten. Vergeblich. Aber eben: Vorne und hinten sind oft Ansichtssache und keine objektiven Grössen.)

Im Naschmarkt fanden alle, worauf sie Gluscht hatten: Wiener Schnitzel, italienische Pasta mit verschiedenen Saucen, Topfen-Palatschinken mit Vanillesauce (warm), selbst zusammengestellte Salate, Japanisches aus dem Wok ... alles, was das Herz begehrt. Und dann kam der freie Nachmittag zum Nach- oder Vorschlafen, zum Shopping, zum was auch immer.

Nur, vor dem Power-Nap, der für den Abend stärken sollte, musste noch der Abend organisiert werden. Zum Glück war Hansjörg Stalder schon früh am Half-price Kartenschalter vor der Staatsoper angestanden; so konnte er auch kurz bevor der Schalter um 2 Uhr endlich aufging und als die Schlange schon unübersehbar lang geworden war noch Bestellungen entgegennehmen: Bestellungen für Hair, the American tribal Love Rock Musical, neu inszeniert  im Wiener Raimund Theater. Um diese Zeit gab es die Karten zum halben Preis, so dass wir uns beste Plätze leisten konnten.

So kam es dass sich gegen Abend wieder eine ganze Gruppe mit den beiden Lehrern ins Theater bewegte, mit fliegender Verpflegung unterwegs bei Subway oder Anker. (Auch dies war schon Gewohnheit geworden.) Sandra, Kim, Fabienne, Eveline und Markus sassen schon bequem auf ihren Plätzen, während MichaelP noch verzweifelt der Türsteherin schöne Augen machte um doch noch ins Theater gelassen zu werden: Er hatte die schönen Hosen angezogen, die Karten waren aber in den andern geblieben. Wie es ihm gelang ins Theater zu kommen, bleibe dahingestellt, es gelang ihm jedenfalls.

Liebe – Militär, Männer – Frauen, Liebe – Zoff, alle Spielarten der Lebensfreude in der Auseinandersetzung mit der erstarrten äusseren Welt finden hier ihren Ausdruck in den berühmten Ohrwürmern und in einer hinreissenden Choreographie. Der Vietnamkrieg, der  bei der New Yorker Uraufführung von 1967 und auch im Film von Milos Forman den dunkeln Hintergrund darstellte, ist jetzt ganz verschwunden. Und das Musical ist ganz frisch und lebendig auferstanden.

Kim Duddy, der Regisseur und Choreograph der Wiener Inszenierung, schrieb im Programmheft Folgendes:

 

Die 60er Jahre waren eine ganz besondere Zeit. Man kann nicht einfach sagen, die junge Generation von heute sei ähnlich. Und dennoch. Die Ziele der heutigen Jugend und ihre Probleme sind noch immer die selben und führen zu Auseinandersetzungen mit den herrschenden Gegebenheiten: Soziale Ungerechtigkeit, verletzte Menschenrechte, Rassismus, Krieg. Der Ausdruck und die Strategien ihres Widerstandes haben sich aber geändert. Die jungen Menschen der 60er Jahre agierten aus einem Gemeinschaftsgefühl, aus einem Miteinander. Die Kids von heute leben ihr Recht auf Individualität. Mit unserer Produktion möchte ich eine Brücke schlagen und versuchen, eine Verbindung zwischen "damals" und "heute" herzustellen. Mit unserem Sprachgemisch, dem "Denglish" (Deutsch/Englisch), das wir auf der Bühne verwenden, der zeitlos-tollen Musik und der immer gültigen Botschaft des Stückes.

Anna hatte das afrikanische Essen gestern so geschmeckt, dass heute gleich den ganzen Abend im afrikanischen Restaurant verbrachte, diesmal in Begleitung von Aline. Hühncheneintopf mit Fufu, gebackene Bananen – alles ohne Besteck gegessen – bescherten ein leckeres Eintauchen in eine fremde Welt. Die Adresse könnte man sich für einen nächsten Wienbesuch von Aline, Stefanie oder Anna verraten lassen!

Ein Teil der Klasse wurde an diesem Abend bereits vor Mitternacht in der JH gesichtet. Der Gedanke ans Packen schien bei nicht wenigen den Abend verkürzt zu haben.

 

 

Mittwoch, den 29. Mai

 

Wien Südbahnhof                         ab 10.25

à Břeclav

à Břno

à Česka Třebová

à Pardubice

à Praha (Prag) Holešovice          an 14.50

 

PRAG

ß TOP

ß WIEN

 

Diesmal ging alles glatt, keine Rundreisen, keine Verspätungen. Aber es hatte bedeutet, etwas früher als sonst beim Frühstück zu sein, zu packen, so rechtzeitig am Bahnhof zu sein, dass noch der Reiseproviant bei Okay, Subway oder Anker (schon wieder) eingekauft werden konnte. In Prag: Kauf des Dreitagepasses für Metro, Tram und Bus, kurze Fahrt zum Hotel und bereit machen für einen ersten Kennenlern-Bummel in die Stadt.

 

Hotel Ibis Karlin

Saldova 54

Praha 8

Tel:   +420 2 24 81 17 18

Fax:  +420 2 24 81 26 81

 

Der erste Gang führte der Moldau entlang. Auf der Reise hatten noch Wolken gedräut, die Wolkenbrüche hätten ahnen lassen. Nun aber herrschten wunderbarer Abendsonnenschein und Frühlingstemperaturen als wir uns der Touristenmeile näherten.

 

 

Die Karlsbrücke war eindrücklich. Aber wir waren nicht die einzigen, die dies fanden. Ein Touristenstrom wie am Morgenstreich. Und dazu alle diese Figuren, die da auf die Seite getreten waren und verwundert vom Geländer herunterguckten. Der sonst eher ernsthafte Dichter Rainer Maria Rilke hatte gereimt:

 

Aber diese Nepomuken!

Von des Torgangs Lucken gucken

und auf allen Brucken spucken

lauter, lauter Nepomucken!

 

Natürlich sind es nicht alles Nepomuken auf der Karlsbrücke, aber die erste Figur war tatsächlich der Nepomuk gewesen, bis er im 18. Jahrhundert Gesellschaft von 26 weiteren barock gestalteten Persönlichkeiten bekam.

 

Hier die Legende dieses Nepomuk, der ja auch bei uns vereinzelt noch die Brücken ziert:

 

Seinen Aufstieg in der katholischen Hierarchie zu einem der Landespatrone Böhmens verdankt der 1393 zu Tode ge­folterte und erst 1729 heilig gespro­chene Nepomuk skurrilerweise dem Ketzer Jan Hus. Um das Andenken an den auch noch im 18. Jh. heiss verehrten Reformator endlich auszurotten, musste die Kirche den Gläubigen einen anderen hochkarätigen Märtyrer präsentieren. Am besten einen, der lange vor Hus für den einzig wahren Glauben den Tod erlitten hatte — und von dem keiner aus dem Volk Näheres wissen konnte. Auf ihrer Suche nach einem geeigneten Hel­den stiessen die Jesuiten schliesslich auf den Generalvikar Johannes von Pomuk — Nepomuk. Dieser war einer Legende nach auf Befehl Wenzels IV. unter der Karlsbrücke in einem Sack ertränkt wor­den, weil er dem König das Beichtge­heimnis seiner Gemahlin Sophie nicht verraten wollte. Dass der wahre Grund für die Ermordung des Geistlichen ein reines Politikum gewesen sein dürfte — der Vikar soll einen Abt des Klosters Kla­druby gegen den Willen des Herrschers in seiner Würde bestätigt haben —, störte die Vertreter des Papstes wenig, im Ge­genteil. Sie schürten das historische Verwirrspiel noch zusätzlich, indem sie Nepomuk offiziell bereits 1383, zehn Jahre vor seinem historisch erwiesenen Brückensturz, sterben liessen. Als Wie­dergutmachung für diese strategische Notlüge liess sich die Kirche nicht lum­pen und errichtete im Veitsdom dem erst so spät zu Ehren gelangten Heiligen ein Grabmal aus 3700 kg reinem Silber.

Prag (Dumont: Richtig reisen, 2000)

 

Vielleicht verhilft sein abgespeckter Hund tatsächlich den einen oder andern Herzenswunsch, der beim Handauflegen tief drinnen geseufzt worden war, wahr werden zu lassen.

Wir waren aber weiter gebummelt. An den Altstädter Ring kamen wir gerade zu der Zeit als es bei der Astronomischen Uhr  7 Uhr schlug und die zwölf Apostel ihre Prozession hinter den Fensterchen begannen und die übrigen Uhren mahnend auf das letzte Stündchen hinwiesen, das allen Irdischen einstens schlagen wird. Wir aber verlangen noch ein wenig Aufschub und gehen weiter Richtung Wenzelplatz, immer mehr auf der Suche nach einem Beisl etwas abseits der Europreise des Touristenzentrums. Die Hungerrevolte jedoch drohte, denn – so ein altes Sprichwort: Beim Essen hört die Freundschaft auf [Anonymus]. Und als wir uns tatsächlich friedlich an den Tischchen in einer Seitengasse niedergelassen hatten, brach die Revolte wirklich aus. Im Rückblick, nachdem die Kriegsbeile wieder vergraben worden waren, hatte die Empörung zum positiven Resultat geführt, dass alle das zum Essen bekamen, was sie sich wünschten: Arabische Küche, eine Pizza, oder eben Knödel mit einer fetten, lange nachwirkenden Riesenente.

 

i

Hinweis: Prags gepflästerte Strassen und Trottoirs sind nicht geeignet für Kick- und andere Boards – es sei denn man riskiere eine Hirnerschütterung!

 

So wurde der weitere Abend sehr verschieden erlebt. Hier soll also Platz gegeben werden, dies ganz individuell festzuhalten:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, den 30. Mai

 

Fahrten in der Metro hatten immer etwas Abenteuerliches an sich. Nicht nur sausten die Rolltreppen in grösserem Tempo in die Tiefe (Achtung beim Auf- und Abspringen!) als wir es gewohnt waren. Auch die Türen der Metrowagen schlossen so schnell und so dicht, dass oft die ganze Klasse, einmal sogar beinahe Stefanies Koffer halbiert worden waren. Man war also immer gespannt, ob und wie die Mehrheit am Bestimmungsort ankommen würde.

Anna und Fabienne begannen ihre Altstadtführung am Wenzelplatz. Vor dem Nationalmuseum standen – eher abschreckend – Panzer und bewaffnete Soldaten.[2] Welche Gefühle mögen die Prager dabei beschlichen haben, die heute noch Blumen bei der Gedenkrotunde für Jan Pallach hinlegen, der sich im Januar 1969 als Protest gegen die russischen Panzer, die den Prager Frühling niedergeschlagen hatten, verbrannt hatte?

 

Jan Palach

Donnerstag, 16. Januar 1969, 15 Uhr. Im Spanischen Saal der Prager Burg tagt gerade das Zentralkomitee der KP, als ein junger Mann am oberen Ende des Wenzelplatzes seinen Mantel ablegt, sich mit Benzin übergiesst und anzündet. Schrei­end läuft er über die Kreuzung zum Na­tionalmuseum. Jaroslav Spírek, Fahr­dienstleiter der Strassenbahn, reisst sich geistesgegenwärtig seinen Mantel vom Leib, hetzt dem lichterloh Brennenden nach und erstickt die Flammen. Bei vollem Bewusstsein wird der Schwerverletzte in ein Krankenhaus transportiert, wo er drei Tage später trotz verzweifel­ter Bemühungen der Ärzte stirbt.

Der Tod des Studenten Jan Palach, noch keine 21 Jahre alt, als lodernde Fackel gegen die brutale Unterdrü­ckung des „Prager Frühlings“ erschüt­terte die Welt. Selbst das KP-Regime musste zunächst gute Miene zum bösen Spiel machen und der Familie öf­fentlich kondolieren, obwohl sich die Trauerfeier zu einer antisowjetischen Kundgebung entwickelte. Die Besatzer hatten strikten Befehl, sich nicht in Uni­form auf der Strasse sehen zu lassen.

Wie es wohl auch seine Absicht ge­wesen sein mag, bereitete Palach noch als Toter den um ‚Normalisierung’ be­mühten Machthabern Unbehagen. All­jährlich am Jahrestag seines Ablebens machten die Behörden wahre Men­schenjagden auf Trauernde, die Blu­men auf sein Grab legten. 1973 wurde die Familie des Studenten gezwungen, die Zustimmung zur Exhumierung und Verbrennung der Leiche zu erteilen. Die Urne setzte man dann auf einem Fried­hof in der Provinz bei, wo es jedoch Jahr für Jahr ebenfalls zu Demonstra­tionen kam, so dass sogar der Verkehr umgeleitet werden musste. Am Prager Wenzelplatz, an jener Stelle, an der Jan Palach seinen Opfertod eingeleitet hatte, schmückten immer wieder Blu­men und Kerzen das Pflaster, das von der Polizei ebenso ständig gesäubert wurde. Am 15. Januar 1989, zehn Monate vor der Wende, schrieb die offizi­elle Nachrichtenagentur ČTK, dass „im Interesse der Wahrung der öffentlichen Ordnung bei einer Kundgebung am Wenzelplatz deren Rädelsführer wegen Nichtbefolgung der Weisungen der staatlichen Organe verhaftet“ wor­den seien. Unter ihnen befand sich auch ein gewisser Václav Havel.

Jan Palach, nach der Samtenen Revolution wieder in allen Ehren in das ursprüngliche Grab am Prager Friedhof Olšanské hřbitovy umgebettet, lebt als Symbol des Widerstandes in den Herzen der Tschechen weiter. In Prag heisst heute der Platz vor der Philosophischen Fakultät nach dem ehemaligen Ge­schichts- und Wirtschaftspolitik-Studen­ten. Rom und andere westeuropäische Städte ehrten Palach gleichfalls mit Strassenbenennungen.

[Prag (Dumont: Richtig reisen, 2000)]

 

Vom Wenzelplatz mit den Denkmälern für den alten Nationalhelden Wenzel und den jungen Jan Palach ging es weiter zum Nationaltheater, jenem Theater, wo in der Mittel des 19. Jahrhunderts mit Aufführungen in tschechischer Sprache die nationale Eigenständigkeit Tschechiens eigentlich begonnen hatte, und zur Moldau. Und weiter zu den Tanzenden Häusern des amerikanischen Architekten Frank O. Gehry.

 

Der Rundgang endete schliesslich beim Pulverturm. Wer sich den Aufstieg zu den Zinnen leistete, wurde mit einer wunderschönen Aussicht über die Dächer Prags, und mit einer Ausstellung von alten Fotos aus Zeiten mit weniger Touristen im Innern des Turms belohnt.

 

*

 

Aussicht vom Pulverturm

 

 

 

 

Tanzende Häuser

Wenzelplatz

 

Am Nachmittag um drei Uhr trafen wir uns wieder auf der Terrasse des Lávka Theaters und Cafés, beim bronzenen Beřdich (oder Friedrich) Smetana. Die Lehrer hatten versucht, ein Gespräch mit einer Pragerin zu  organisieren, die über die Samtene Revolution und die Wende von 1989 erzählen könnte. Es war auch gelungen, aber es musste mit viel Geduld  erdauert werden. Und der Berichterstatter möchte hier der ganzen Klasse ein ganz grosses Kränzchen winden, wie sie diese Geduld aufgebracht hat. Nach des Berichterstatters Meinung hatte es sich auch gelohnt:

Frau Kristyna Klimešová kam schliesslich ausser Atem angerannt. In letzter Minute war sie eingesprungen, nachdem die ursprünglich vorgesehene Referentin einen Notfall hatte ins Spital begleiten müssen.

Kristyna (Jahrgang 1948) erzählte kurz von der Samtenen Revolution, die von Studenten mit einer Revolte am 17. November ausgelöst worden war. Studentenrevolten am 17. November haben in Prag eine Tradition, die bis 1939, zum Protest gegen die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg zurückreicht. Auch der Prager Frühling hatte 1968 mit studentischen Protesten gegen die stalinistische Politik begonnen. So war die Revolte vom 17. November 1989 zugleich eine Gedenkveranstaltung wie auch ein Protest gegen die aktuelle Situation. Václav Havel, der Schriftsteller-Präsident der letzten neun Jahre, war aktiv an diesen Protesten beteiligt gewesen und hatte auch mehrmals im Gefängnis gesessen. Offenbar geniesst er heute noch, auch nach seiner relativ langen Amtszeit, die nicht allen Leuten ein besseres Leben gebracht hat, die tiefe Sympathie der Bevölkerung. Diese Sympathie für den Menschen Havel sprach jedenfalls deutlich aus Kristynas Worten. In einem Rückblick schilderte sie auch das Leben unter dem alten Regime, in dem es vieles nicht gab, was die Leute wünschten, dafür aber auch keine Arbeitslosigkeit.

Den Umbruch erlebten ihre zwei Kinder sehr unterschiedlich. Der Sohn, der unter der alten Ordnung erwachsen geworden war, scheint heute Schwierigkeiten zu haben sich zurecht zu finden. Die jüngere Tochter hingegen konnte den Umbruch als Chance wahrnehmen. Sie war der „geistige Ausradierung“ durch das alte Schulsystem weniger ausgesetzt gewesen als noch ihr älterer Bruder. Zu seiner Zeit war man in der Schule zurechtgewiesen worden, wenn man die Lehrerin ‚Frau Lehrerin’ und nicht ‚Genosssin Lehrerin’ genannt habe. Wendehälse, die vorher und nachher profitiert hätten und nie zur Rechenschaft gezogen worden seien, habe es beim Umbruch unter den Lehrern wie unter den andern Menschen viele gegeben. Und das ärgere viele Menschen.

Bereits die Generationen der unter und der über Dreissigjährigen scheinen sich heute in tendenzielle Gewinner und Verlierer des Umbruchs zu spalten. Noch ältere Menschen hätten sowieso grosse Schwierigkeiten sich auf dem Arbeitsmarkt, der völlig neu strukturiert worden ist, zu behaupten. Ganz offensichtlich trauerte Kristyna aber trotz aller Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert ist, der alten Ordnung nicht nach: „Im Kapitalismus gibt es reiche und arme Leute,“ meinte sie, „im Kommunismus gab es nur arme Menschen.“ Und sie will den Mut nicht verlieren: „Die Welt ist nicht gut oder schlecht: Die Welt sind wir alle.“

Die Abspaltung der Slowakei von Tschechien von 1993 gehe darauf zurück, dass in den beiden Landesteilen sehr unterschiedliche Menschen lebten: in Tschechien eine besser ausgebildete, urbanere Bevölkerung, in der Slowakei eher eine schulisch schlecht geförderte und landwirtschaftlich ausgerichtete. V. Meciar, slowakische Ministerpräsident, sei ein Populist, der die Ressentiments der Slowaken gegen die Tschechen ausgenutzt habe. Es bestehe, die Hoffnung, durch einen gemeinsamen Beitritt zur EU die Spaltung wieder überwinden zu können. Aber für Tschechien würde diese Trittbrettfahrt der rückständigen Slowakei die Aussicht auf einen baldigen Beitritt sehr gefährden.

Es gab eine lebhafte Diskussion um aktuelle Fragen, das Leben heute und die Aussichten auf ein Leben nach einem EU-Beitritt. Die Deregulierung, die dann käme, machte Kristyna deutlich Angst. Die Lebenskosten, z.B. die Mieten würden schon heute durch die zahlungskräftigen Menschen aus dem Westen in die Höhe getrieben. Und Kristynas Kollegin Šárka, die unterdessen eingetroffen war, meinte, wenn die Mieten so in die Höhe gingen, wie dies bei einem EU-Beitritt erwartet würde, könnte sie sich nur noch aufhängen. Der Beitritt werde von den Politikern gefordert, nicht vom Volk. Zum Vergleich: Ein LehrerInnenlohn in Tschechien beträgt ca. 750 Schweizer Franken. In Prag etwas mehr. Wie kann man mit einem solchen Lohn leben, wenn das westliche Preisniveau flächendeckend eingeführt wird?

Mitte Juni sind Parlamentswahlen in Tschechien.  Kristyna erwartet, dass die Kommunisten auf den dritten Platz unter den Parteien, nach den Nationalkonservativen und den Sozialdemokraten, aufsteigen werden.[3] Viele Menschen scheinen also doch wieder der vergangenen Zeit nachzutrauern; sie selbst jedoch hat immer noch ungute Gefühle, wenn sie Panzer auf der Strasse sieht. Zu sehr wird sie dadurch an den Einmarsch der Warschaupakt Truppen nach dem Prager Frühling erinnert.

Dann gab sie der Klasse noch eine Idee für das Ende der Schulzeit mit: In Prag veranstalten die Gymnasiasten nach der Matur ein „letztes Klingeln“, bei dem sie in der Stadt Geld sammeln für ihre nach-Examens Vergnügungen. Warum auch nicht?[4]

 

*

 

So ging der Nachmittag im Gespräch vorüber. Nochmals über die Karlsbrücke schlendern, dem Glasharmoniumspieler lauschen, den Malern zusehen, sich vom Zauberer verblüffen lassen und dem Hund des Nepomuk einen Wunsch mitgeben: Dann ist alles bereit für den Abend:

 

o        in der Laterna Magica

o        im Karlovy Láznĕ, der grössten Discothek Europas neben der Karlsbrücke

o        bei einem guten Nachtessen

o        bei Prager Bekannten, die zusammen mit einer Freundin besucht werden können

o        bei einer arabischen Wasserpfeife

o        ...

 

In der Stadt kreuzten sich unterdessen grölende Fans verschiedener nationaler Fussballmannschaften, für die ein Ticket ins ferne Ostasien doch offenbar unerreichbar blieb. Es brauchte nicht viel und zwischen die biergeschwängerten Haufen flogen bald einmal die Fäuste, wie Markus (nur als Beobachter!) zu berichten wusste. Und daneben setzten wir uns mit den Formen des Bettelns auseinander, einzelne auch mit der aufdringlichen Anmache von Prostituierten, den Schattenseiten der Grossstadt eben.

 

Freitag, den 31. Mai

 

Josefov — die ehemalige Judenstadt

Vom 12. Jh. an besass Prag eine der grössten und bedeutendsten Juden­städte Europas. Aufgrund der unhaltbaren hygienischen Verhältnisse wurde das Ghetto jedoch um die Wende zum 20. Jh. grösstenteils niedergerissen, wobei nur einige wenige jüdische Kul­turdenkmäler erhalten blieben. Sie lie­gen im Viertel Josefov (Josephstadt), benannt nach Kaiser Joseph II., der durch sein Toleranzpatent von 1781 den Juden erstmals die Ansiedlung auch au­sserhalb der Ghettomauern ermöglicht hatte.

Das 1906 gegründete, von 1950 bis 1994 unter staatliche Obhut gestellte und seither wieder von der jüdischen Gemeinde Prags verwaltete Jüdische Museum besitzt eine 200’000 Expo­nate umfassende Sammlung in insgesamt fünf Gebäuden. Diese weltweit einzigartige Dokumentation ist absurderweise ein Werk der Nationalsozialisten, die nach dem „Endsieg“ ein „Exotisches Museum einer ausgestorbenen Rasse“ präsentie­ren wollten. Deshalb haben die Nazis jü­dische Kultgegenstände aus ganz Böhmen und Mähren sowie auch aus vielen anderen europäischen Synagogen in Prag zu­sammengetragen und sie nicht zerstört.

Prag (Dumont: Richtig reisen, 2000)

 

Durch die Josephsstadt führte uns DanielE an diesem Morgen. Der Besuch des Jüdischen Museums begann mit dem Friedhof, der bis 1787 benutzt wurde, und heute noch eine eindrücklich Stätte ist – trotz des Touristenstroms, der auf einem Weglein um die Gräber geführt wird. Die Männer mussten die Kippa tragen, die traditionelle Kopfbedeckung. Es war allerdings im windigen Wetter nicht immer einfach, dies mit der vom Ort gebotenen Würde zu tun.

Da die religiösen Vorschriften den Juden die Auflösung von Gräbern nicht erlaubt, mussten durch Anhäufung von Erde bis zu zwölf Begräbnisstätten übereinandergeschichtet werden. Daraus erklärt sich die hügelige Oberfläche des Friedhofs. Etwa 100’000 Menschen wurden im Laufe der Zeit hier beerdigt. Etwa 12'000 Grabmonumente haben die Zeit überdauert. Von manchen ragt bloss die Spitze aus dem Boden, andere wiederum stehen dicht gedrängt nebeneinander wie die stumpf gewordenen Zähne eines alten Hais.

Weiter besuchten wir die Pinkas-, die Maisel- und die Spanische Synagoge. Eine der ältesten Synagogen in Europa, die romanische Altneu-Synagoge, konnten wir nur von aussen besichtigen. Im übrigen beeindruckten die Strassenzeilen der Josephsstadt aus der Jahrhundertwende, ganze geschlossene Jugendstil-Strassenbilder und Fin de Siècle Ensembles, wie sie wohl nirgends sonst auf der Welt erhalten sind. Wir hatten viel Zeit, diese Strassenbilder zu betrachten, denn wir warteten viel und oft, unter anderem auf Anna und Fabienne, die verlorengegangen waren und mit abgelaufenen Akkus auch per SMS unerreichbar blieben.

*

 

Der Nachmittag war frei für Eigeninitiative. Neben Chill-out im Hotel, Nach- und Vorschlafen, Frischmachen für den Abend, Kurieren von Erkältungen, Bauch- und anderen Beschwerden, sollen zwei Unternehmungen des Nachmittags im Bild dokumentiert werden:

 

Aline und Sandra besuchten die ursprünglich mittelalterliche Burg Kaiser Karls IV. in Karlstein, ca. 30 km von Prag entfernt. Die Eisenbahn war sehr günstig, berichteten sie.

 

M. Leuenberger und H. Stalder fuhren mit der Metro bis zur Endstation von Háje und wanderten durch die riesige Plattenbausiedlung am Stadtrand. Auch dies ist Prag.

 

ß Karkstein                                                                                                                                                        Plattenbauten in Háje â

 

Samstag, den 1. Juni

 

Ein letzter gemeinsamer Rundgang führte unter der Leitung von Aline auf den Hradschin oder die Prager Burg. Zweifellos ist dies einer der Höhepunkte einer Stadtbesichtigung. Das dachten aber auch andere, und so herrschte vor dem St. Veits-Dom und an anderen neuralgischen Punkten wieder einmal Morgenstreichgedränge. Das Gedränge war so gross, dass die Türsteherin vor dem Goldenen Gässchen nicht mehr nachkam mit ihrer Billetzange und wir ohne Tickets als ganze Klasse durchschlüpfen konnten. Das Gedränge war aber allzu dicht als dass der Berichterstatter mit seinem Bleistift hätte tätig sein können. So übergibt er die Dokumentation dem Fotografen um diese Seite mit Anschauungsmaterial zu füllen.

 

St. Veitsdom

Das Goldene Gässchen

 

 

*

 

Der letzte Tag in Prag geht langsam seinem Ende zu – und der geneigte Leser darf wieder zum Anfang dieses Berichts zurückblättern, zum Knall des Sektkorkens auf dem Petřín (oder Laurenziberg). Bevor aber die letzte – die kürzeste – Nacht der Reise anbrach, wurde nochmals getafelt, im für uns reservierten Keller des U Glaubiců, einem Beisl oder eher Bierkeller auf der Kleinseite der Moldau. (So kam der letzte, der es immer noch nicht geschafft hatte, zu einem Spaziergang über die Karlsbrücke.) Angeregt durch den (mit vorrückender Stunde immer weniger gut abgestimmten) Gesang einer deutschen Studentenverbindung im Nachbarkeller wurde auch die Klasse 3Ba stimmgewaltig. Zum ausgewachsenen Wettkampf der Meistersänger kam es aber nicht, da an diesem letzten Abend in Prag noch andere Anziehungspunkte lockten. Und schliesslich wollten die letzten 50 Kronen im Portemonnaie (Sfr. 2.50) bis am Morgen noch ausgegeben werden.

 

Sonntag, den 2. Juni

 

Eine harmonische Abschlussreise kam um 04.45 Uhr mit einem höchst unharmonischen Telefongeklingel neben dem schlafenden Ohr dem Ende näher: Es war der Weckdienst des Hotels, der uns aus dem kurzen Schlaf riss, wenn überhaupt Schlaf. Etienne, Adrian, Marco, Markus und MichaelM hatten das Bett in dieser Nacht nicht gesehen, und MichaelP und Fabienne nur so kurz, dass es eigentlich auch nicht der Rede wert ist.

Und doch war MichaelM, der Reiseorganisator, um 05.00 Uhr noch so klar bei Sinnen, dass er seine Erkenntnis, die ihm auf dem Altstädter Ring um 00.40 Uhr (nachts) eingegeben worden war, weiterleitete. Keine unbedeutende Erkenntnis, wenn wir mit dem vorgesehenen Zug fahren wollten: Der Zug fuhr um 06.25 nicht vom Bahnhof Holešovice ab, sondern vom Hauptbahnhof.

 

Prag               

Nürnberg   

 

Karsruhe

 

Basel SBB  

ab 06.25   IC „Egrensis“

an 11.21

ab 11.43 

an 14.50

ab 15.00   EC „Lötschberg“

an 16.46

 

Dank diesem rechtzeitigen Geistesblitz sass oder lag die ganze Klasse nicht frisch, nicht ausgeschlafen, aber doch vollzählig im Zug, als er sich der goldenen Morgensonne in Richtung Westen in Bewegung setzte.

 

 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

 

Morel Etienne                        

Borer  Aline Simone              

Egli Daniel                             

Hruby Kim                             

Imber Eveline                        

Jeger Adrian  

Karrer Daniel                         

Legio Marco                          

Marti Markus              

Müller Michael                       

Pachlatko Michael                 

Schuldt Eva               

Stalder Nicole                                   

Strauch Stefanie                   

Wasescha Fabienne

Wohlgemuth Sandra             

Zaugg  Anna              

 

 

 


Markus Leuenberger: Fotos

Hansjörg Stalder:       Text    

 

ß TOP

ß WIEN

ß PRAG

 



1 Die Erklärung des Rätsels liegt in den Bauarbeiten am Arlberg: Der Zug von Zürich nach Wien wurde über Basel umgeleitet.

[2] Tatsächlich bewachten sie nicht das Nationalmuseum, sondern die in der Nähe befindlichen amerikanischen Einrichtungen

[3] Dies sollte denn auch dem Resultat der Wahlen vom 14.06.2002 entsprechen.

[4] Das Gespräch war übrigens von den beiden Lehrern gesponsert worden.