Abschlussreise 3Bb:  22. Mai bis 1. Juni 2001

 

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à Mittwoch, 23.5. (Wien: Hofburg)

à Donnerstag, 24.5. (Wien: Hundertwasser)

à Staatsoper: Die Frau ohne Schatten

à Freitag, 25.5. (Bratislava)

à Samstag, 26.5. (Györ)

à Sonntag, 27.5. (Tata)

à Montag, 28.5. (Esztergom)

à Dienstag, 29.5. (Budapest)

à Mittwoch, 30.5. (Budapest: Budaer Burg)

à Donnerstag, 31.5. (Gellért)

à Freitag, 1.6. (Rückkehr)

 

Wien – Budapest:

Eine Velotour mit Licht und Schatten

 

Dienstag, 22. Mai

Was mag jener arglose Hase gedacht haben, der beinahe von einem Champagnerzapfen erschossen worden wäre? Ahnungslos sass er im nächtlichen Gras, nicht weit von Buchs, aber jenseits der Grenze zwischen der Schweiz und Österreich, als der Nachtzug nach Wien vorbeidonnerte. Der Zug erschreckte ihn nicht, das war er gewohnt, aber die Gesellschaft in diesem Zug feierte den Beginn des grossen Abenteuers: Christine machte den Champagner auf, jetzt wo die Grenze passiert war und die Reise wirklich begonnen hatte – und während der Schaumwein im Gang vor den Abteilen herumspritzte, bis die Becher gereicht waren, flog der Zapfen aus dem offenen Fenster ins nächtliche Dunkel, eben zwischen den steifen Ohren des Hasen durch, der ganz scharf das Richtige schloss: Die Klasse 3Bb ist wieder einmal unterwegs: Es ist was los!

 

Nur ein Mitglied der Festgesellschaft konnte nicht recht in Stimmung kommen: Es war Patric, dessen Koffer am Bahnhof Basel stehen geblieben war und der jetzt schon wusste, dass er eines nicht sehr fernen Tages sehr früh würde aufstehen müssen, um den nachgeschickten Koffer am Westbahnhof in Wien abzuholen. Wie kann man sich da freuen? Aber immerhin: Annina, die am Bahnhof die Klasse verabschiedet hatte, sah den verlassenen Koffer auf dem leeren Perron und war sich sogleich im Klaren darüber gewesen, wo er eigentlich hingehörte – in den Zug nach Wien. Kontakt per Handy und den Koffer aufgeben auf den nächsten Zug nach Wien waren eins – und Patric und Samuel wussten, dass sie nicht im T-Shirt würden in die Wiener Staatsoper gehen müssen. Beruhigend, oder etwa nicht? Das Fest konnte weitergehen. Licht und Schatten.

 

Textfeld: Vorgeschichte
Verlassen wir die Festbrüder und –schwestern eine Weile und schauen wir, wie es soweit gekommen war, wie es jetzt stand:
Die Planung begann nach den Herbstferien 2000. Vor den Ferien war die Klasse in Blagoevgrad in Bulgarien gewesen; in dieser Zeit war noch kein Raum für die Planung einer Maturreise. Und nun blieb nicht mehr viel Zeit, wenn die Tage zwischen Auffahrtsbrücke und Pfingsten für die Maturreise genutzt werden sollten: Sechs Monate vor Reisebeginn, also im November, musste ein Vorprojekt eingereicht werden, vier Monate vorher, d.h. unmittelbar nach Semesterbeginn und nach dem Unterbruch für die Semesterarbeit, musste das detaillierte Programm zur Genehmigung durch die Aufsichtskommission bereit sein: Also an die Arbeit!
Am Anfang stand das Finden eines Ziels und das Erreichen eines Konsens. Licht und Schatten, Sieg und Niederlagen liegen bei demokratischen Entscheidungen nahe beieinander: Ein Ziel wurde gefunden, der Konsens blieb teilweise auf der Strecke. Zwei attraktive Projekte standen sich in der Abstimmung gegenüber, das eine in England, das andere in Österreich und Ungarn. Die Stimmung war gespannt – sogar geladen –, tief durchatmen ... Die Velofahrt  von Wien nach Budapest auf dem Donau-Radweg erreichte eine knappe Mehrheit – zwei Schülerinnen waren abwesend, als die Abstimmung durchgeführt wurde.
Hätte die Abstimmung wiederholt werden sollen? Der Klassenlehrer und Schreibende stellte sich –unter anderem wegen des Zeitdrucks – auf den Standpunkt, alle hätten rechtzeitig von der Tragweite des Entscheids gewusst und sich die Zeit für das Klassentreffen nehmen können. War dies richtig gewesen? Diejenigen, die das England-Projekt vertreten hatten, schlossen sich dem Donau-Projekt an, so dass gar keine Alternative mehr zur Auswahl stand, außer ein ganz neues Projekt wäre entworfen worden. Das Organisationskomitee, das sich nun breit abgestützt bildete, war sich bewusst, dass es neben der Planung nun auch darum ging, die Bedenken derer zu

Textfeld: berücksichtigen, die nicht so begeisterte Velofahrerinnen oder Velofahrer waren, also die Fahrt und die zurückgelegten Strecken zu verkürzen und so das Projekt konsensfähig zu machen. Der Schatten blieb aber auf dem Projekt liegen: Nach reiflicher Überlegung und aus unterschiedlichen Gründen zogen es schließlich drei Schülerinnen zum großen Bedauern des Schreibenden doch vor, nicht an der Reise teilzunehmen. Nach allerhand Umtrieben wurde es ihnen am Ende erlaubt. Schatten und Licht.

Die Planung des OK aber ging vorwärts:

Ein Vorprojekt wurde eingereicht; Kosten wurden abgeschätzt; Gespräche wurden geführt – und Termine fast verpasst; letzte Sekunde-Aktionen gestartet – und das fertige Projekt schließlich regelkonform bewilligt. So weit so gut: Wo bleibt der Schatten? Niemand konnte Auskunft geben, ob die Velos schließlich wieder von Ungarn nach Basel zurückgeschickt werden könnten. Die SBB gab widersprüchliche Verlautbarungen von sich, der VCS (der solche Velotouren als Reiseveranstalter anbietet) war nicht in der Lage, eine konkrete Auskunft zu erteilen, der SSR sah kein Problem, bis die Reise nahezu gebucht war, dann meldete auch er Bedenken an. Kurz: Die Ungewissheit blieb bestehen und die Reise stand bis zu ihrem Ende unter einer gewissen Spannung, denn in den Couchettes konnten wir nicht zwanzig Velos nach Hause nehmen, soviel war uns klar und das änderte sich auch nicht, wenn man das Problem x-mal durchdiskutierte.

Die OK-Mitglieder waren: Carine, Christine, Joëlle, Pascale, Benjamin, David und Samuel. An zwei Sitzungen konnte sich der Berichterstatter ein Bild von der Arbeit und der Arbeitsverteilung machen: Zuerst wurde gekocht, ein ausgeprägtes Menü (und auch die Herren – oder besonders sie – standen in der Küche), dann wurde gegessen, denn nur so kam man zu den Kräften, die die Planungsarbeit benötigte, und schließlich wurde geplant. Dies aber mit großer Umsicht und  Seriosität. Chapeau!

Mittwoch, 23. Mai

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Unterdessen ist es in jenem Schnellzug Morgen geworden. Eine erstaunliche Frage in österreichischem Deutsch: „Kaffee oder Tee?“ und ein Frühstück mit frischen Brötchen wird an die Schlafkoje geliefert. Schon lange vor der pünktlichen Einfahrt im Wiener Westbahnhof um 08.09 sind so auch die ausgekochtesten Schlafmützen auf den Beinen.

 

Textfeld: Hostel Zöhrer
Skodagasse 26
1080 Wien
Tel: 0043/(1) 40 60 730
Sind unsere Velos, die wir vor fünf Tagen in Basel aufgegeben haben schon hier? Carine und Christine hatten Hemmungen nachzufragen. Was wäre, wenn wir sie gleich mitnehmen müssten? Auch so brauchte es Benjamins Findergeist, bis wir das richtige Tram – die Nr. 5 – zum Hotel Zöhrer gefunden hatten, resp. den Ort, wo das Tram abfuhr. Und der Chauffeur schien sich solche Gruppen, mit viel Gepäck nicht gewohnt gewesen zu sein, jedenfalls fuhr er ab, bevor Thomas Engeloch und David eingestiegen waren. Aber auch sie fanden den Weg. Die Zimmereinteilung – in ein 6er, ein 7er und ein 8er Zimmer – ging schnell, die Körperpflege mit je nur einer Dusch-Kabine und einem Lavabo pro Zimmer eher langsamer. Aber irgendwie ging auch das. Die einzige Aufregung entstand, als die Lehrer ins Logis zurückkehrten, wo soeben die Damen daran waren sich bereit zu machen. Aber irgendwie ging auch das.

 

Textfeld: Hofburg: Die kaiserliche Burg in der Inneren Stadt war mehr als sechs Jahrhunderte Residenz der Herrscher Österreichs, von hier aus regierten die Habsburger ihren Vielvölkerstaat, dessen Existenz 1918 mit Ende des Ersten Weltkriegs erlosch. In dieser Machtzentrale wurde europäische Geschichte geschrieben, von hier aus steuerte Maria Theresia ihre Politik und beklagte  die militärischen Niederlagen gegen Preußens à Der erste Programmpunkt in der Metropole: Mit dem 44er Tram zum Schottentor und von dort zu Fuß zur Hofburg, zur kaiserlichen Hofburg. Das Kaiserschloss war für die Besucher aus dem republikanischen und – der Geschichte nach – anti-habsburgischen Kleinstaat nicht nur ehrfurchterheischend. Die Kaisergemächer mit ihrem Prunk, die aus- und dargestellten Erinnerungen an die zerbröselnde Kaiserfamilie um Franz Joseph und seine Frau Elisabeth oder „Sisi“ lösten nicht nur respektvolle Kommentare aus. Der Neid auf ein Leben in diesem Prunk blieb in engen Grenzen, auch nach dem Besuch der Ausstellung des kaiserlich-königlichen Silbers. Das republikanische Unverständnis für soviel Protzerei äußerte sich im Wort „pervers“, das der Berichterstatter beim Rundgang von Urs aufschnappte.

Textfeld: Friedrich den Grossen. Hier organisierte Joseph II., der engagierte Aufklärer auf dem Kaiserthron, seine Reformen, litt Kaiser Franz Joseph 68 Regierungsjahre daran, dass sein Reich unaufhörlich zerfiel. Bis 1806 hatte sich hier für zweieinhalb Jahrhunderte der Sitz der Deutschen Kaiser befunden [bis Napoleon das Deutsche Reich zerschlug und Franz II., der letzte Deutsche Kaiser des alten Reiches, sich einfach Franz I. und Kaiser von Österreich nannte – und hier weiter residierte.] Heute noch ist die Hofburg Amtssitz des österreichischen Staatsoberhauptes: Der Bundespräsident amtiert und repräsentiert in denselben Prunkräumen wie Maria Theresia und Joseph II. vor ihm. 
[Baedecker]
Aber im wunderschönen inneren Burghof schien die Frühlingssonne auf Kaiser Franz, einen der wenigen Glücklichen unter den Denkmal-Stars, die nicht an einer verkehrsumbrausten Ecke ihr Denkmaldasein fristen müssen, und zu seinen Füssen lagerten ein paar Münchensteiner, die jetzt merkten, dass es schon eine rechte Weile her war seit dem Frühstück im Zug. Der nächste Treffpunkt war beim Café Demel, der k.u.k.  (kaiserlich und königliche) Hofzuckerbäckerei am Kohlmarkt 14.

 

Die Entdeckungsreise durch Wien zeigte, dass die fürstliche Prachtentfaltung noch eine andere Seite hat, als die spöttisch kommentierte, steife Pracht der Prunkgemächer: Sie zeigt sich auch in den großzügigen Parkanlagen, den Plätzen und Avenuen, die Wien die Ausstrahlung einer Metropole und gleichzeitig einen verträumten Charme geben.

 

Und wie war die originale oder echte Sachertorte im Demel? Welches auch immer die richtige Bezeichnung sein mochte, versucht wurde sie, aber die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Das einzig Überzeugende an der Sache war der Preis. Er war höher als anderswo. Dafür bleib noch Platz für ein Nachtessen: Im Apostelkeller liessen sich die Mutigen überraschen, was sich hinter den Begriffen Blunzen, Tirolergröstel oder Nockerl versteckte, andere hielten sich an die Käsespätzle oder süßen Knödel und Palatschinken mit und ohne Topfen. Nur Thomas war nicht dabei. Er hatte eine stille Verabredung mit seinen Vienna Connections, die er aber doch als charmante Wienerin seinen Kolleginnen und Kollegen vorstellte.

 

Vienna by night. Das genaue Programm entzieht sich der Kenntnis des Berichterstatters. Er schlief schon tief, als die letzten Heimkehrerinnen im Hostel eintrafen und sehr rücksichtsvoll leise in den 8er Schlag disseleten.

 

Donnerstag, 24. Mai – Auffahrt

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Textfeld: Hundertwasserhaus: Auf Wunsch von Wiens Bürgermeister Leopold Graz ließ der Maler Friedensreich Hundertwasser 1977 seine blühende Phantasie spielen und entwarf das ‘natur- und menschenfreundliche Haus‘ an der Ecke Löwengasse/Kegelstraße, das die Stadtverwaltung 1983—1985 im Rahmen des sozialen Wohnungsbaues errichten ließ, wenngleich die Mieten nicht unbedingt als sozial zu bezeichnen sind. So wohnen in den kleinen Appartements denn auch in erster Linie Künstler und Intellektuelle, was Hundertwasser wiederum freute: à Aber am nächsten Morgen waren wieder alle beim Frühstück. Happy birthday, Benjamin! Nur Rebekka und Patric kamen etwas später. Sie gingen am schrecklich frühen Morgen an den Bahnhof um den vergessenen Koffer abzuholen. Wir würden sie wieder im KunstHausWien treffen, wo wir den heutigen Kulturtag begannen. Eine Führung durch das KunstHaus mit seinen architektonischen Eigenheiten („wohltuend asymmetrisch, bunt und grün bewachsen“ – Baedeker) liess uns die „Melodie für die Füße“ spüren und die Gedanken und Denkanstösse von Friedensreich Hundertwasser in uns weiter wirken, so wie das Museumsführungen sonst nur selten gelingt. Nach der Führung trafen sich die meisten wieder einige hundert Meter Textfeld: „Wenn hier Privilegierte einziehen, dann ist das ein Beweis für mich, daß das Haus gut ist.“ Mit Rücksicht auf die Bewohner der umstrittenen kunterbunten Architekturattraktion kann das Gebäude zumeist nur von außen besichtigt werden, im Gegensatz zum nahe gelegenen KunstHausWien, das ebenfalls von Hundertwasser entworfen wurde und 1991 seine Pforten öffnete.
Den ökologischen Prinzipien des Künstlers folgend, wurde für den Komplex nur Ziegelstein und Holz, aber keinerlei Kunststoff verwendet. Es gibt 50 unterschiedlich große, ein- oder zweigeschossige Wohnungen, mit oder ohne Garten, sonnendurchflutet oder mehr schattig, mit Blick auf die Straße oder zum Hof; ein Terrassen-Café, eine Arztpraxis und ein Bio-Laden sind organisch eingefügt. Jede Wohneinheit hat ihre eigene Farbe, und ein rund fünf Kilometer langes Keramikband verläuft durch die gesamte Anlage, vereinigt die Wohnungen miteinander und trennt sie zugleich durch eine jeweils andere Farbgebung. Generell verfolgte Hundertwasser die ‘Toleranz der Unregelmäßigkeiten‘, so daß alle Ecken des Baus abgerundet und die Fenster verschieden groß, breit und hoch sind. Individualität kennzeichnet auch die Innenausstattung, die Verfliesung der Badezimmer ist uneinheitlich, der Fußboden des Wandelganges uneben, die Wand dieses Bereiches gewellt und im unteren Teil als Malwand für Kinder gedacht. Vorder- und Rückfront des Komplexes sind gestaltet wie bei den alten Patrizierbauten und den venezianischen Palazzi am Canale Grande. Dazu wurde in der Fassade ein Stück des alten Hauses nachgebildet, damit die “Geister des alten Hauses in das neue übersiedeln“ und es unter ihren Schutz stellen. Zwei goldene Zwiebeltürme schmücken das Gebäude, die — laut Hundertwasser — “den Bewohner in den Status eines Königs erheben“. Belebende Elemente sind ferner die farbigen, teilweise schiefstehenden Säulen, der Brunnen und der alten Originalen nachempfundene Figurenschmuck. [Baedecker]


weiter beim Hundertwasserhaus, wo bereits Hunderte von Touristen ihre Fotoapparate gezückt hielten. Wie auch wir.

 

Ein kurzer Spaziergang über den Donau-Kanal führte in den Prater, in den „Wurstel-Prater“ zuerst, wo sich kleinere Gruppen bildeten. Der Nachmittag war nun frei, denn am Abend würde ein anspruchsvolles Opernprogramm die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Das OK traf sich zu einer Sitzung im Gras im Halbschatten von üppigen Weiden und plante die Abfahrt per Velo vom folgendenden Tag. Und Samuel und Markus mussten in einem mächtigen Ringkampf ihre Kräfte loswerden.

 

*

 

Ein Opernabend voll Licht und Schatten stand bevor, stand doch die Frau ohne Schatten einen Abend lang im Rampenlicht der Wiener Staatsoper. Eine währschafte Operntaufe: Vier Stunden sollte sie dauern, und Richard Strauss’ Musik war wahrlich keine leicht Muse.

 

Dummerweise fand die wöchentliche Anti-Haider Demo ausgerechnet auch am Donnerstag Abend statt, was einige ins Dilemma versetzte, wo sie eher hingehörten: in die Oper oder die Politik. In der Pause nach dem 2. Akt konnten denn die, welche die frische Luft auf der vornehmen Foyerterrasse schnupperten, ihre Klassenkameraden auf dem Opern- und Kärntner-Ring durchmarschieren sehen. Die Verstärkung durch die Supporters aus Münchenstein kam nicht ungelegen, denn die Demonstration drohte im Polizeigeleit unterzugehen, das beinahe so viele Mannschaftswagen wie Demonstrierende auffahren ließ. 

 

Und die, welche in der Oper durchhielten, kamen in den Genuss einer großartigen Aufführung eines Werkes, das aber ohne Kenntnis der Handlung nicht leicht zu verstehen war. Hier soll sie deshalb nochmals wiedergegeben werden, denn in der Hektik der Reisevorbereitung  war  dies  vergessen  gegangen.  (Dennoch:  Corina  hatte die Handlung

ohne Programmheft besser verstanden als jener Lehrer, der besserwisserisch mit dem Programm in der Hand das Angelesene völlig falsch zum Besten gab.) Übrigens war es auch in Kenntnis der Zusammenfassung nicht leicht dem von Freud beeinflussten sehr symbolhaften Plot zu folgen. Die Ausharrenden wurden dafür mit wunderschönen Klängen der nichtgeborenen (oder nicht gezeugten) Kinder belohnt. Dies war so schön, dass einige der Musik nur mit tief geschlossenen Augen folgen konnten.

 

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Die Frau ohne Schatten:

Oper in drei Akten von Hugo von Hofmannsthal

Musik von Richard Strauss

 

Musikalische Leitung: Simone Young

Inszenierung: Robert Carsen

Bühnenbild: Michael Levine

 

Kaiser: Johan Botha; Kaiserin: Susan Anthony; Amme: Jane Henschel; Barak: Wolfgang Brendel; sein Weib: Deborah Polaski.

 

Eines Tages erlegte der Kaiser auf der Jagd eine weiße Gazelle. Als sein Pfeil das Tier traf, verwandelte es sich in eine schöne Frau. Der Kaiser heiratete sie und hält sie seitdem vor der äußeren Welt verborgen. Ihr Vater Keikobad, der Geisterfürst, sendet jeden Monat einen Boten, um herauszufinden, ob die Kaiserin einen Schatten wirft — als Zeichen dafür, daß sie ein Mensch geworden und fähig ist, Kinder zu bekom­men.

 

Erster Akt

 

1. Szene

Die Amme wacht über die schlafende Kaiserin, als Keikobads Bote abermals erscheint. Als sie dem Geisterboten mitteilt, daß die Kaiserin immer noch keinen Schatten wirft, verkündet er Keiko­bads Urteilsspruch: wenn sie innerhalb von drei Tagen keinen Schatten hat, wird ihr Vater sie wieder in Besitz nehmen und der Kaiser zu Stein erstarren.

Der Kaiser bricht zu einer dreitägigen Jagd auf, in der Hoffnung, seinen verlorenen Falken wiederzufinden. Als die Kaiserin erwacht, hört sie die Stimme des Falken und kann seine Sprache verstehen: „Die Frau wirft keinen Schatten! Der Kaiser muß versteinern!“ Ver­zweifelt bittet sie die Amme, ihr bei der Erwerbung eines Schattens zu helfen. Sie könne einen solchen nur auf der Erde, unter mensch­lichen Wesen finden, erklärt ihr die Amme. Die Kaiserin überwin­det ihre anfängliche Furcht, und mit Hilfe der Amme macht sie sich zur Reise in das Land der Schatten auf.

 

2. Szene

Der Färber Barak und seine Frau leben in Armut, zusammen mit Baraks drei Brüdern. Er arbeitet hart, um die Familie zu erhalten. Doch seine Frau ist tief unglücklich und weigert sich, ihrem Man­ne die Kinder zu schenken, nach denen er sich sehnt. Als Barak zum Markt aufbricht, betreten Kaiserin und Amme das Färberhaus.

Die Färbersfrau geht einen Handel mit der Amme ein: innerhalb der nächsten drei Tage wird sie ihren Schatten und damit ihre un­geborenen Kinder preisgeben im Tausch für Reichtümer, kostbare Kleider und Liebhaber. Die Amme bereitet durch Zauberkraft dem Färber sein Abendessen zu und spaltet das Ehebett entzwei. Allein, hört die Färberin die Rufe ihrer ungeborenen Kinder. Barak kehrt heim und erfährt von seiner Frau, daß sie nicht länger mit ihm schlafen werde. Traurig lauscht er den Wächtern der Stadt, die in der Ferne das Lob der Ehe und der Kinder singen.

 

Zweiter Akt

 

1. Szene

Am ersten der von Färberin und Amme ausgemachten Frist von drei Tagen: Kaum ist Barak aus dem Haus, zaubert die Amme einen schönen jungen Mann herbei, den sie der Frau als Verkörperung ihrer unbewußten Sehnsucht einredet. Als Barak unerwartet früh zurückkehrt, läßt die Amme den jungen Mann wieder verschwin­den. Der Färber kehrt mit Essen und Wein für seine Familie und Freunde heim. Nur sein Weib weigert sich, an dem Fest teilzuneh­men und bricht schließlich in Tränen der Verzweiflung aus.

 

2. Szene

Der Kaiser hat seinen Falken wiedergefunden, der ihn zum Falk­nerhaus führt. Die Kaiserin hatte ihrem Gatten geschrieben, daß sie ihn hier erwarten würde. Doch er findet das Haus leer, und als er seine Frau heimlich zurückkehren sieht, ist der Kaiser überzeugt, be­trogen worden zu sein. Verzweifelt beschließt er, die Kaiserin zu tö­ten, doch er vermag es nicht auszuführen.

 

3. Szene

Am folgenden Tag wartet die Färberin ungeduldig darauf, daß ihr Mann zum Markt gehe. Als er zu trinken verlangt, mischt ihm die Amme einen Schlaftrunk. Der Zauberjüngling erscheint von neuem und versucht die Färbersfrau. Ihr Verlangen erschreckt sie, und sie weckt ihren Gatten. Barak begreift die Ängste seiner Frau nur langsam. Voller Enttäuschung verläßt sie mit der Amme das Haus. Die Kaiserin bleibt allein mit dem verstörten Mann zurück.

 

4. Szene

In dieser Nacht liegt die Kaiserin in unruhigem Schlaf. Sie fühlt den gequälten Blick Baraks auf sich, träumt, daß der Kaiser hinter einer großen Türe eingesperrt ist und langsam versteinert. Stimmen drän­gen sie, die Schwelle des Todes zu überschreiten und das Lebens­wasser zu trinken. Sie fühlt, daß ihr Versuch den Schatten zu rau­ben, alle ins Unglück stürzt.

 

5. Szene

Der dritte Tag: Dunkelheit herrscht mitten am Tage, Baraks Brüder sind voller Angst. Sein Weib verhöhnt ihn, gesteht einen Ehebruch und daß sie ihren Schatten (und damit ihre ungeborenen Kinder) von sich gegeben habe. Barak befiehlt seinen Brüdern, das Feuer zu schüren; diese rufen, daß die Frau keinen Schatten wirft. Jetzt müß­te die Kaiserin diesen an sich reißen, doch aus Mitleid vermag sie es nicht. Barak will seine Frau umbringen, da gesteht sie, daß sie sich nur in Gedanken schuldig gemacht hat, und fleht um Vergebung. Das Haus versinkt im Erdboden und die Amme zerrt die Kaiserin von den Trümmern der Menschenwelt zurück.

Dritter Akt

 

1. Szene

Barak und seine Frau sind getrennt worden. Sie sehnen sich nach einander und nach Vergebung für die Fehler der Vergangenheit. Eine Stimme ruft sie ans Licht.

 

2. Szene

Ein Boot führt Kaiserin und Amme zum Reich des Keikobad. Die Kaiserin erkennt die Türe aus ihrem Traum wieder, die zu durchschreiten die Amme sie hindern will. Die Kaiserin sagt ihr, daß sie ihre Hilfe nicht länger benötigt. Verzweifelt versucht die Amme, ih­rer Herrin zu folgen; doch der Geisterbote erscheint und verurteilt die Amme, „unter den Menschen umherzuirren“.

 

3. Szene

Die Kaiserin steht vor ihrem Vater und rechtfertigt sich für ihre Ta­ten. Eine Stimme lockt sie, das Wasser des Lebens zu trinken und so den Schatten der anderen zu erwerben. Doch die Kaiserin wei­gert sich, das Glück der Färber um ihrer Bedürfnisse willen zu zer­stören. Dadurch gewinnt sie ihren eigenen Schatten und befreit sich und den Kaiser von der Macht des Keikobad.

 

4. Szene

Barak ist neuerlich mit seiner Frau vereint, die ebenfalls ihren Schat­ten wiedergewonnen hat. Beide Paare jubeln, und aus der Ferne stimmen die ungeborenen Kinder ein.

 

Anschließend trafen sich Operngenießer und Anti-Haider Demonstrierende in einem italienischen Restaurant. Nicht alle konnten den Hunger stillen, aber man hatte sich wieder gefunden. Und Haider? – Der Schatten blieb.

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Freitag, 25. Mai – Prolog nach Bratislava

Die dauerhaften und die fehlenden Schatten vom Vorabend waren beim Frühstück um 7.30 weggewischt. Es ging ans Packen, die Velos mussten am Bahnhof geholt und das Picknick-Geld verteilt werden. Und die Lehrer holten den Ford Transit ab, das Begleitfahrzeug, das einige Male willkommene Dienste leisten sollte. Waren am Vorabend noch elegante Menschen aus dem Hostel gekommen, so erschienen jetzt sportliche Cracks in Velodress von Helm bis Handschuhen. Und Sara mit dem rosa Kitschkörbchen. Um 11 Uhr war Abfahrt in Gruppen, jede Gruppe mit mindestens einem Handy ausgerüstet. Für alle Fälle. Wer würde wo und wann die erste Panne haben?

 

Explosion 2: !Die Stadt kannten wir alle schon so gut, dass es kein Problem war, den Weg zum Prater zu finden. Von dort ging es durch die schattige Praterallee bis zur Praterbrücke. Und hier sah der hintennach fahrende Berichterstatter vier tief über ein Velo gebeugte Figuren. Und das Velo war Davids. Und das Hinterrad dieses Velos ließ sich nicht mehr aufpumpen. Und die einzig gute Pumpe war in Brüche gegangen... Also zurück zur Werkstatt eines Velovermieters im Prater. Der konnte – beim zweiten Anlauf – einen neuen Schlauch montieren. Der erste war explodiert!

Und dann mit neuer Energie – und einem bereits sich anmeldenden Hunger – auf den Donauradweg: Zuerst durch die Naherholungszone von Wien, dann durch die Nackterholungszone und schließlich auf die schnurgeraden zwanzig Kilometer den Donau-Auen entlang bis Hainburg. Und kurz nach Hainburg über die slowakische Grenze. Dort wartete das Auto mit den Reisepässen der Gruppe auf die Velofahrer. Und sie kamen mit der Nachricht von der zweiten Panne: Martins Hinterrad sah so aus:

Und so sieht ein Rad-Totalschaden aus. Von nun an hatten wir ein Velo im Auto. Mindestens eines. Und auch mindestens eine Begleitperson für den Fahrer, und das war für den natürlich schön.

 

Um sechs Uhr kamen wir im Hotel in Bratislava an. Die erste Etappe hatte müde gemacht, aus den geplanten sechzig Kilometern waren ca. achtzig geworden. Heute gab es das Taschengeld in slowakischen Kronen und es durfte gerechnet werden. Zum Hotel gehörte ein chinesisches Restaurant. Und weiter wollte sich niemand mehr bewegen.

Hotel Astra

Prievozskà 14/A

82109 Bratislava

Tel. 00421 7 58 23 81 11

Samstag, 26. Mai – Die lange Etappe nach Györ

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Frühstück um 8 Uhr. Der Start sollte heute recht früh sein, es stand die längste Etappe der Tour auf dem Programm. Aber zuerst musste im bescheidenen Supermarkt gegenüber dem Hotel eingekauft werden; und zwar Proviant für zwei Tage. Es war nicht zu erwarten, dass die Läden morgen Sonntag offen haben würden. Die Kronen wurden mit dem heutigen Taschengeld aufgestockt.

 

Nach der Abfahrt bereiteten die Autofahrer, Corina und der Berichterstatter, noch eine Überraschung für die Velofahrer vor: Sie hatten Zeit Corinas Catering Service auf dem Donaudamm aufzubauen, denn die Velofahrer kämpften mit dem Gegenwind. (Der Gegenwind aus Osten brachte das wunderbare Wetter. – Also nicht schimpfen!) Also warteten sie geduldig mit Getränken und verlaufenden Schokoriegeln bei Horny Bar auf das Feld. (Der Name ist nicht erfunden; so heisst das kleine Dorf.)

 

Was sich so alles auf und über der Donau bewegte: Störche und Oldtimer Flugzeuge über dem Wasser, Tragflächenboote und gemächlichere Kähne auf dem Wasser. Und schließlich die ersten Velos in der Ferne auf dem Damm. Die Zwischenverpflegung, besonders die Wassermelonen, war willkommen. Und schließlich kam auch die Gruppe von Marco, die sich im Industriequartier von Bratislava verfahren hatte. Und die Zigaretten wurden in die erschöpften Lungen inhaliert. Und weiter ging’s, lange Zeit im forschen Tempo, in dem Sara und Tandiwe das Feld anführten. Hinter dem rosa Kitschkörbchen her.

 

Eine Panne, aber von kurzer Dauer: Davids Velo bekam den dritten Schlauch verpasst. Und bald kam der ungarische Zoll. Einiges an Bürokratie, die zukünftige Außengrenze der EU, wurde spürbar, aber nicht unfreundlich. (Böse Stimmen behaupteten, die Zöllner hätten nur die Föteli der Frauen genauer studieren wollen.) Aber Davids Identitätskarte stiftete Verwirrung: Durfte er mit diesem Plastikausweis einreisen? Wir trösteten ihn: Wir würden ihm ins Gefängnis schreiben. Aber er wurde schließlich nicht behalten und die Reise nach Györ ging weiter. Thomas Engeloch sorgte vor, dass wir nicht zu weit fahren mussten. Er kundschaftete die Route zum Hotel aus und an den neuralgischen Kreuzungen wies er der Velokolonne den direkten Weg.

 

Textfeld: Fortunatus Szabadidö Klub
Kando Kalman ut. 13
H-9027 Györ
Tel. 0036 96 521 688
Die längste Etappe war nicht die anstrengendste gewesen. Das Hotel besaß ein Schwimmbad, aber unsere Leute hielten es nicht lange aus im Stil erholungssuchender Badegäste. Als Randalierer wurden sie des Wassers verwiesen und mussten den weiteren Abend – äußerlich – auf dem Trockenen verbringen. Und doch war noch genügend Energie da um zu Fuß ins Zentrum des freundlichen Barockstädtchens Györ zu pilgern.  Eine größere Gruppe dinierte gediegen (Fasanenkeule, gegrillten Lachs und dergleichen), so dass die Kellner mit vereinten Kräften große Mühe hatten eine für sie befriedigende Schlussrechnung zu erstellen. Für unsere Geduld bei dieser Demonstration gastronomischer Mathematik erhielten wir eine Flasche ungarischen Champagners.

 

Und hier die Frage an Carine: Was ist mit ihr geschehen?

 

Sonntag, 27. Mai: Györ – Tata

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Aber am Morgen waren die Kräfte dennoch noch nicht alle wieder hergestellt. Ein Wurst und Käse-Frühstück (nur Joëlle blieb beim gesunden Müesli; diesmal hatte es sogar Schäleli!) – und die Abfahrt zog sich in die Länge, bis um 10 Uhr, d.h. bis auch Sara und Markus vom Dach der Nachbarhäuser heruntergeholt worden waren. Das Wetter blieb schön...

 

Die Ausfahrt aus der Stadt wollten wir zusammen bewältigen, denn der Anfang des Velowegs könnte schwierig zu finden sein. Herrliches Wetter, auch heute. Aber es war der dritte Tag der Velofahrt – Abergläubische waren auf der Hut, und die Schutzengel in den Startlöchern.

 

Eigentlich ging alles ganz langsam: Die Velokolonne fuhr langsam, das kleine rote Auto rollte ebenfalls ganz langsam aus dem Nebensträßchen – auf die Velokolonne zu. Aber es hielt nicht! Bei allem Pech hatte Christine ein unheimliches Glück. Erst später kam in uns hoch, was alles hätte passieren können. Aber auch so saß der Schreck tief, auch in der unglücklichen Frau, die wahrscheinlich ihre Shoppingliste studiert, statt auf die Strasse geschaut hatte. So sah es jedenfalls aus. Die Umstehenden waren sehr hilfreich: Jemand bot sich als Übersetzer an, jemand wusste von einer Werkstatt, wo am Sonntag Morgen ein Velo geflickt werden konnte, jemand bot den Transport des defekten Velos in die Werkstatt in seinem Auto an, und jemand kümmerte sich um die gute Frau im roten Auto, die krampfhaft ihren Versicherungsausweis suchte und wohl nur zu gut wusste, dass sie keinen besass. Aber auch sie war hilfreich und besorgt und bemühte sich mit allen Kräften den Schaden wieder so gut als möglich zu machen. Wieder einmal lagen Licht und Schatten nahe beieinander.

 

Aber es brauchte Zeit, bis alles und alle aussortiert, gefasst, wiederhergestellt waren, Dominic mit dem Velo in die Werkstatt gebracht und Christine von Thomas Engeloch im Begleitauto abgeholt waren. Und bis die gute Nachricht, dass alles glimpflich abgelaufen war, über die Handies verbreitet und überall – auch in der Schweiz – erleichtert aufgenommen und geglaubt worden war.

Als die Nachzüglergruppe beim Treffpunkt hinter dem Dörfchen Acs eintraf (übrigens nur Dank Dominics Kenntnissen im Spurenlesen: „Dies ist Joëlles Velospur!“ las er im Sand), scharrten die andern bereits unruhig und waren nicht mehr zu halten. Der Tross schwang sich aufs Velo – und mit ihnen auch Christine.

 

Das Hotel in Tata lag fast am See, am Öreg-tó, oder am „Alten See“. Auch wenn die Sonne nicht mehr schien, ein Bad lag für viele doch drin. Und andere schlenderten zum Vergnügungspark ganz in der Nähe.

 

In der Nacht trommelte der Regen aufs Blechdach des Hotels. Aber nicht alle hörten es.

 

Textfeld: Öreg-Tó Club Hotel
És Ifjusagi Tabor
Faklya Utca 4
H-2890 Tata
Tel. 0036 34 387 960

Montag, 28. Mai – Die „kurze“ Etappe nach Esztergom

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„Nur“ eine kurze Ertappe stand heute bevor. Also hatte es niemand eilig. Aber die Sache mit dem „nur“ hatte so einen Haken.

 

Aber zuerst die Bergstrecke – sie war noch reizvoll, und die Abfahrt voll von Schlaglöchern. Und kurz. Bernhard überließ sein Velo an diesem Tag gerne dem Velo-totalgeschädigten Martin, da er Schmerzen am Knie hatte. Mit einer großzügigen Geste übergab er Martin das Rad auf dem Kulminationspunkt und verzichtete auf die Abfahrt, die er sich doch verdient gehabt hätte. Chapeau!

 

Heute schien die Sonne kaum; es drohte sogar Regen in den schwarzen Wolken – also mehr Schatten als Licht. Tatsächlich setzte es auch einige Male zu einem Wolkenbruch an,

aber nach einer Minute – bevor der Regenschutz ernsthaft in Betracht gezogen worden war – schlossen sich die Schleusen wieder. Glück gehabt.

 

Und der Haken: Seiten- und Gegenwind, viel starker Verkehr, Lastwagen und Busse, die nicht immer sehr  rücksichtsvoll überholten strapazierten die Nerven. (Der Berichterstatter, der das Geschehen auf der Landstrasse von hinten beobachten konnte, stieß nicht sehr vorbildhafte Worte aus, als ein rasender Bus die Velogruppe mit minimalstem Abstand überholte – zum Glück trug der Wind seine Wort davon. Die kürzeste Etappe wurde schließlich von nicht wenigen als die anstrengendste empfunden. So kann’s gehen.

Textfeld: Oktav Hotel
Wessenlenyi u. 35-39
H-2509 Esztergom – Kertvaros
Tel: 0036 33 435 755

Das Hotel lag außerhalb des hübschen Städtchens Esztergom, das sehr reizvoll unter einer riesigen barocken Basilika an der Donau, und damit der slowakischen Grenze, liegt. Beim Round-about am Stadteingang gab’s Taschengeld und so legten einige noch einen Aufenthalt mit Glacé ein, bevor sie die letzten fünf Kilometer zum Hotel unter die Räder nahmen.

 

Und nach dem Nachtessen im Hotel – endlich Wiener Schnitzel – setzte der Landregen ein. Um die Bar traf sich eine fröhliche Runde, die ihre Schulerfahrungen austauschte: Nostalgie nach alten PG-Zeiten kam auf. Und wieder einmal zeigte sich: Die Erfahrungen fürs Leben sammelt man an und nicht in der Schule.

 

Textfeld: Marika Panzio
Napvirag u. 5
H-1025 Budapest
Tel. 0036 1 39 44 564
Dienstag, 29. Mai: Budapest

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Es regnete nicht mehr, bald war sogar wieder schönster Sonnenschein. (Soviele schöne Tage am Stück hatten wir in diesem Jahr noch kaum erlebt!) Die Lehrer hatten am Vorabend aber noch Erkundigungen getrieben, ob nicht im Fall eines Landregens die Eisenbahn die Fahrt nach Budapest abkürzen könnte. Diese Option wurde nun auch bei schönem Wetter von elf Teilnehmerinnen und Teilnehmern gewählt, sieben wollten die ganze strecke auf dem Velo fahren und Bernhard begleitete die Lehrer im Auto, um in Budapest alles für die Ankunft vorzubereiten.

 

Die ersten, die ankamen, waren die in der Eisenbahn. Sofort fuhren sie vom Westbahnhof an den Ostbahnhof Keleti-pu, der uns ja schon von früher her sehr vertraut war. Christine und Carine erkundigten sich sofort nach der Möglichkeit, die Velos per Bahn nach Hause zu schicken. Sie ernteten ein unbarmherziges Nein.

 

Die Autofahrer suchten – und fanden – das Hotel. Sie deponierten das Gepäck der Velofahrer, fuhren zum vertrauten Ostbahnhof und beteiligten sich an der Suche nach einer Möglichkeit, die Velos loszuwerden. Es gab noch einige weitere Diskussionen, aber es blieb beim Njet. Damit war die letzte Frage geklärt, die von der Organisation nicht hatte geklärt werden können, nämlich ob wir die Velos wieder aus Budapest hinaus bekommen würden. Wir würden nicht.

 

Was tun? Beziehungen zu Speditionsfirmen waren gefragt. Rebekka versuchte telefonisch Jérôme dazu zu bewegen, seine Meisterprüfung mit einem Velotransport von Budapest nach Basel etwas vorzeitig abzulegen. Familie Arnold suchte von Dornach aus das World-wide-web nach Speditionsfirmen ab, die diesen Auftrag übernehmen würden, wenn möglich kostengünstig. Aber es war um die Zeit, da die Büros Feierabend machten. Das Problem musste vertagt werden.

 

Unterdessen kamen erschöpft, aber guter Dinge, Benjamin und die Velogruppe an. Sie waren auf der langen Strecke vom Rückenwind unterstützt worden. Der schönste Teil der Strecke war auf der Donauinsel, auf die sie mit dem kleinen Fährboot gelangten. (Der Fährmann ließ Samuel nicht einmal Zeit, sein Picknick zu beenden.) Die Einfahrt nach Budapest, der Donaukulisse der Stadt nach, war ein Höhepunkt der Velofahrt. Aber auch der Verkehr. Das Ziel war erreicht, das goldene Trikot siebenfach verdient.

 

Mit Taxis vom Bahnhof zum Hotel. Die Grosstadt zeigte ihre Tücken. Einige der Taxifahrer nutzten die Unerfahrenheit ihrer Gäste mit Budapester Preisen aus. Von da an waren wir alle etwas klüger.

 

Wieder etwas ausgeruht machen wir uns um 7 Uhr wieder auf den Weg von unserem Villen-Außenquartier in die Stadt. Mit dem 11er. Dies ist hier ein Bus und kein Tram. Aber wir waren wieder ausgerüstet mit einem Budapester U-Abo.

 

Ein Spaziergang führte kurz der Donau entlang, über die Kettenbrücke um das stolze Panorama zu genießen zur Flanier- und Fußgängerzone in Pest. In verschiedenen Gruppen wurden Lokale gefunden, in denen der Hunger gestillt und der weitere Verlauf des Abends geplant werden konnte.

 

Und was am Abend los war (Zum selber ausfüllen):

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem letzten 11er zurück auf unseren Berg trafen die Lehrer auf zwei abgekämpfte Mitfahrer.  Alles deutete darauf hin, dass David und Bernhard gut durch die Dopingkontrolle gekommen wären, es steckte nicht mehr viel Speed in ihnen.

 

Mittwoch, 30. Mai

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Heute fing es schon gut an: Unentwegt fragte die junge Dame, die um unser Frühstück besorgt  war,  nach  dem junge Mann mit der schönen Stimme am Telefon.  Wer es denn sei,

der das Hotel reserviert und immer wieder angerufen habe. [Diskrete Auskunft gibt es bei Mitgliedern der Klase 3Bb.] Es half aber nichts: Um unsere Gesundheit besorgt, gab es in dieser Herberge keinen Kaffee zum Frühstück.

 

Auf dem Programm steht Buda, der Burghügel. Mit Bus und Tram zum Funiculaire, das eigentlich hinauffahren sollte. (Das hätten wir alle verdient gehabt.) Nur fuhr es nicht, jedenfalls nicht jetzt. Also spazierten wir zu Fuß zum weithin sichtbaren Sagenvogel Turul hinauf (der nach der Legende die Urmutter Emese befruchtet und damit den Stammvater der Magyaren oder Ungaren gezeugt haben soll). Wie dem auch sei, von seinem Standplatz vor dem pompösen Barockschloss aus hatten wir bei herrlichstem Frühsommerwetter einen eindrucksvollen Blick über die Stadt mit der majestätischen Donau Ufer-Kulisse. (Bei einem Wiederkommen in einigen Jahren werden wir uns vermutlich an die Skyline erinnern, die 2001 noch kaum über Hochhäuser verfügte. Die Gebäude aus der Belle Epoque wie das Parlament dominierten denn noch ganz das Bild  einer im wesentlichen liegenden Stadt.

 

Das Wetter war nicht für Museen geeignet. Wir bummelten weiter zur Fischerbastei, zur Matthiaskirche, an den verschiedenen Ecken und Details der Häuser vorbei, die den Reiz dieses Stadtteils ausmachen. Aber auch andere Touristen hatten dies entdeckt: Unendliche Schlangen stauten sich bei allen Eintrittshäuschen. Das war schade gerade bei der Matthiaskirche, deren innere Ausgestaltung und Bemalung sehr eindrücklich sind, auch wenn nicht mittelalterlich, wie sie aussehen, sondern eine freie Nachempfindung aus der Zeit vor der Jahrhundertwende, aus der auch sonst so vieles stammt, was den Reiz dieser ehemaligen Weltstadt ausmacht.

 

Im Haus Úri utca Nr.9 fanden wir den Eingang zum Labyrinth, das den Burgberg Textfeld: Das Labyrinth der Budaer Burg liegt in dem System von Höhlen und tiefen Kellern innerhalb des Burgberges. Die in ihrer Größe weltweit einzigartigen Kalktuffhöhlen im Inneren des Burgberges sind in der Frühzeit der Erdgeschichte durch den Ausbruch warmer Quellen und durch Auswaschungen entstanden. Die Warmwasser-Höhlennischen stellten für den vor einer halben Millionen Jahren hier erscheinenden Menschen zugleich Schutz- und Jagdgebiet dar („Budaer Urjäger“).
Die Kugelnischen wurden in geschichtlicher Zeit aus militärischen und wirtschaftlichen Überlegungen miteinander verbunden beziehungsweise mit den Kellern der Häuser auf der Burg. So entstand im Inneren des Burgberges ein wahres Labyrinth. Die Wege zwischen den Felsenkellern wurden in den 1930er Jahren systematisch ausgebaut: als Teil des Kriegsprogramms entstand ein Luftschutzraum für zehntausend à Personen. Die mit einer Eisenbeton-Konstruktion verstärkte und verschandelte Burghöhle war während des Kalten Krieges ein geheimes militärisches Objekt.
Im Verlaufe der Rekonstruktionsarbeiten in den Jahren 1996/97 bekam das mehr als 4000 Quadratmeter große Gebiet durchsetzt wie einen Schweizer Käse und mit den Kellern vieler Häuser in Verbindung steht.

Textfeld: nach Möglichkeit sein ursprüngliches Gesicht aus der Vorkriegszeit zurück. [Broschüre zum Labyrinth]

Wieder aufgetaucht aus der unterirdischen Schattenwelt war man zuerst geblendet. Und dann meldete sich der Appetit. Es war bereits Nachmittag geworden und die Gruppen gingen nun ihre eigenen Wege, um die Stadt der eigenen Nase nach zu entdecken.

 

Treffpunkt fürs gemeinsame Nachtessen war um 8 Uhr vor dem Gerbeaud, wo man noch alte k.u.k. Kaffeehaus-Nostalgie erleben kann – und wo die Confiserie tatsächlich noch erstklassig ist (wie sich der Schreibende versicherte).

 

In einer Seitenstrasse der Fußgängerzone stellten die aufmerksamen Kellner eines kleinen Restaurants die Tische zusammen, so dass die ganze Klasse Platz fand. Wir wurden herrlich verwöhnt („If you want anything, put your arms in the air!”)  und der Abend nahm seinen gemütlichen Anfang – und die Reise begann langsam auszuklingen. Von jenseits des kleinen Platzes drang Gitarrenmusik aus den geöffneten Flügeltüren eines Lokals und untermalte die Szene. Urs und Marco führten eine große Debatte über die Gitarre, die hier im Einsatz war. Natürlich musste dieser Frage anschließend nachgegangen werden.

 

Bevor dieser Ausklang aber eingeläutet werden konnte, waren noch zwei Probleme zu lösen: Markus musste noch einen Briefkasten finden, und wir alle mussten noch eine Lösung für die Velos finden. Die Speditionsfirmen hatten kläglich versagt – trotz aller Vitamin B. Das erste Problem konnte noch am selben Abend gelöst werden, das andere musste noch warten.

 

Donnerstag, 31. Mai

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Und es wartete, bis wir mit Gepäck und allem per Bus und Untergrundbahn beim Bahnhof Keleti-pu eintrafen. Dann kam die Aufgabe der Velos bei der Post. Nicht nur für uns war es eine neue Erfahrung, an 20 Velos die Räder abzumontieren und die Rahmen am Postschalter aufzugeben. Auch der zuständige Beamte hatte das ganz offensichtlich noch nie erlebt, er ist „voll duregheit“. Aber sage und schreibe: Es ging. Pro Velo ca. 10 Minuten für die Aufgabe am Schalter allein. (Zufälligerweise war gerade noch Abgabe der neuen Telefonbücher am selben Schalter und durch denselben Beamten.) Aber es ging auch so.

 

Wir waren früh aufgestanden, um 12.30 waren die Velos aufgegeben und das Gepäck samt Velorädern eingestellt. [Anmerkung der Redaktion: Am Montag, den 11. Juni kamen die Velos beim Gymnasium Münchenstein an. – Ausgerechnet in einer Mathematik-Stunde!]

 

Was blieb noch zu tun in Budapest, bevor der Zug um 17.45 die Stadt Richtung Zürich verlassen würde? – Natürlich ins Gellért: Erholung, Entspannung, Stärkung für die Reise im Ruhebad. Ein paar Forint konnten wir sparen, indem die ganz Klasse noch unter 18 Jahre alt war. Kaltes Wasser, warmes Wasser, drinnen, draußen, heißes Bad, Sauna, Wellenbad – alles im gediegenen Stil des berühmten Jugendstilhotels. Und damit vergingen die letzten Stunden.

 

Auf verschiedenen Wegen zurück zum Bahnhof. (Zum wievielten Mal traf sich die Klasse dort bei der Gepäckaufgabe?) Die letzten Forint mussten noch ausgegeben werden, die Räder mussten in den engen Couchettes verstaut werden, und die Zeit verging erstaunlich schnell bis der Zug sich pünktlich in Bewegung setzte und die Reise endgültig dem Ende zu ging.

 

Eigentlich war eine traditionelle 3Bb-Bowle geplant gewesen. Aber die Reise dauerte doch eine Nacht zu wenig lang, als dass sie wirklich hätte ziehen können, wie das die alte Gewohnheit war. Deshalb musste halt nur mit Champagner auf die geglückte Reise, auf viel Licht und wenig Schatten, angestoßen werden.

 

Hasen in Österreich: Kopf runter und Ohren steif halten!

 

Freitag, 1. Juni

Was bleibt noch zu berichten?

 

Das Frühstück gab’s ans Bett serviert, als draußen der Walensee vertraut nebelverhangen vorbeizog. Das schöne Wetter war vorüber, aber wen kümmerte es? Es gab nur noch eine heikle Passage zu bewältigen, das Umsteigen in Zürich. Als alte Routiniers, wie wenn die Klasse immer mit achtunddreißig Rädern unterwegs wäre, ging auch dies problemlos, nur ein Zug musste übersprungen werden und anstatt um 07.38 kamen wir um 07.52 in Basel an. 19 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, zwei Lehrer, 38 Veloräder. Alles O.K.

 

Und Pfingsten zum Ausschlafen!

 

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